Wie uns der Wunsch nach mehr Selbstdisziplin sabotiert

Versuchungen so weit das Auge reicht. Ob es die leckere Schokolade, schöne Kleidung, ein teures Auto oder die außereheliche Affaire ist, unsere Selbstkontrolle wird permanent auf die Probe gestellt. Heute gilt es als besonders schick und anstrebenswert, den großen und kleinen Versuchungen standzuhalten bzw. sich selbst zu optimieren. Doch gerade der Wunsch nach mehr Disziplin kann zum Stolperstein auf dem Weg zu selbiger werden, wie eine neue Studie zeigt.

Zahlreiche Untersuchungen der letzten Jahrzehnte kamen zu demselben Ergebnis: Selbstdisziplin ist ein wesentlicher Faktor für unseren Erfolg. Sie beeinflusst unsere Wünsche und Ziele gleichermaßen und lässt uns manchmal geradezu "übermenschlich" erscheinen. Kein Wunder also, dass Eltern, Lehrer/innen, Bücher oder Religionen uns zu mehr Selbstdisziplin antreiben wollen. Und genau hierin sehen amerikanische Wissenschaftler/innen das Problem. Der übernommene Wunsch nach mehr Selbstdisziplin kann unglücklicherweise das tatsächliche Erlangen von Selbstkontrolle erschweren. Und das unabhängig von der tatsächlichen Ausprägung der Selbstdisziplin. Oder anders gesagt: Je mehr wir uns Selbstdisziplin wünschen, umso weiter entfernen wir uns von ihr.

 

Über 600 Probanden/innen nahmen an zahlreichen Experimenten teil, die den Einfluss der Selbstkontrolle auf die Leistung untersuchten. Darüber hinaus erfasste man den Wunsch nach selbstdiszipliniertem Verhalten oder aber er wurde manipuliert, um Zusammenhänge eindeutig zu extrahieren.

 

Die Forscher/innen kamen zu einem eindeutigen Ergebnis. Unabhängig davon, ob der Wunsch nach mehr Selbstdisziplin gemessen oder manipuliert wurde, hatten jene Teilnehmer/innen größere Schwierigkeiten sich selbstkontrollierter zu verhalten, die einen stärkeren Wunsch nach mehr Selbstdisziplin hatten. Warum?

 

Bei schwierigen Aufgaben, die naturgemäß mehr Selbstdisziplin verlangen, interpretieren wir in den Wunsch nach mehr Selbstkontrolle, den Glauben an unsere niedrige Selbstwirksamkeit hinein. Das heißt, das Gefühl der mangelnden Selbstkontrolle lässt uns denken, wir wären grundsätzlich nicht fähig genug, um auch schwierige Aufgaben zu bewältigen. Der Wunsch nach mehr Disziplin suggeriert also indirekt, dass wir zu wenig davon hätten. Dieser gedankliche Fehlschluss kann letztlich negativen Einfluss auf unsere Leistung haben.*

 

Selbstdisziplin ist - wie eingangs erwähnt - zweifelsohne eine wichtige Eigenschaft, die ein erfolgreiches Leben mitbedingt. Allerdings darf es nicht beim Wunsch nach Selbstdisziplin bleiben. Glauben Sie an sich, setzen Sie den ersten Schritt und überzeugen Sie sich durch Ihr Handeln von Ihrer Stärke. Jeder Fortschritt ist bedeutsam und jeder Erfolg ein Sieg. Und wenn Sie erst einmal feststellen, dass die Realität besser sein kann als der Wunsch nach Verbesserung, werden Sie viele Gelegenheiten bekommen, Ihre Selbstkontrolle zu trainieren.

 

In diesem Sinne, herzlichst

 

Tamara Nauschnegg

 

 

*Uziel, L., Baumeister, R.F.: The Self-Control Irony: Desire for Self-Control Limits Exertion of Self-Control in Demanding Settings. IN: Personality and Social Psychology Bulletin, 43(5), 2017.

 


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