Was wir in Coronazeiten von den Schicksalserprobten lernen können

Die Welt hat sich in den letzten Tagen verändert. Das selbstverständliche Leben, das wir MitteleuropäerInnen gewohnt waren, wurde aufgrund des neuartigen Virus "Covid-19" bzw. "Corona" auf den Kopf gestellt. Zu den alltäglichen Unsicherheiten kommen plötzlich weitere hinzu, die unsere ganze Gesellschaft mit Einschränkungen, Verzicht und Stillstand belegen. Ein bekanntes Terrain für all jene, die dem Schicksal in seinen außergewöhnlichsten Formen bereits zu trotzen hatten.

Gleich vorweg: Ich habe den Großteil meines persönlichen und beruflichen Lebens als Psychologin mit Menschen verbracht, die vom Schicksal nicht verwöhnt wurden. Auch ich selbst kenne die dunklen Seiten des Lebens nur zu gut. Beides hat in mir eine Faszination dafür geweckt, wie wir trotz allem gedeihen können. Und gerade in der gegenwärtigen Situation ist genau das gefragt. Wer kann uns hier besser beraten, als jene, die mit Unsicherheiten tagtäglich umzugehen haben? Bis vor wenigen Tagen bzw. Wochen hatten wir alle unsere Geschichte mit mehr oder weniger großen Prüfungen. Und plötzlich teilen wir dasselbe Schicksal - mit unterschiedlichen Voraussetzungen. Und was hilft nun? Denen zuzuhören, die mit chronischen Krankheiten, schweren Schicksalsschlägen oder persönlichem Scheitern zurechtzukommen hatten. Haben sie doch ausreichend Erfahrung im Umgang mit dem Ungewissen. Doch was lehren sie uns genau?

Der Schatz der Erfahrenen

Es geht weiter

Das plötzliche Herunterfahren aller bisherigen Gewohnheiten, Pläne und Ziele ist wohl eine der größten Herausforderungen, die es gibt. Diagnosen beispielsweise errichten von einer Sekunde auf die nächste Mauern der Unsicherheit, die selbst den unerschütterlichen OptimistInnen hart zusetzen. Wenn nichts mehr sicher ist, woran sollen wir uns dann klammern? Doch das Leben 2.0 braucht anfänglich keine Perspektiven, sie können sogar hinderlich sein. Schritt für Schritt ist die Devise. Und dafür ist Struktur nötig. Den Tagesrhythmus beizubehalten, zu essen, zu trinken, an die frische Luft zu gehen und kleine Ziele für den Vormittag bzw. den Nachmittag zu setzen, schenkt Sicherheit. Es ist dann letztendlich aber das Dranbleiben, das für die Rückkehr zu einer "neuen" Normalität sorgt. Der Alltag als Taktgeber ist also die Voraussetzung für jeden weiteren Schritt.

 

Alles hat seine Zeit

Wenn das Leben aus den Fugen gerät, braucht es vor allem die Anerkennung der Umstände und den Respekt vor der Aufgabe. Die Augen zu verschließen oder das Kleinreden der Tatsachen, verzögert lediglich den Beginn der Anpassung an die neuen Gegebenheiten. Unsicherheit zu empfinden ist kein Versagen, sondern Teil der Lösung. An etwas zu wachsen gelingt nur dann, wenn wir es nicht ausklammern bzw. auch negative Emotionen zulassen, um dann wieder einen Schritt in Richtung Zuversicht zu setzen. Wenn wir uns mutig den Aufgaben stellen, an Bewältigungsmechanismen arbeiten und vor allem akzeptieren, dass alles seine Zeit hat, nehmen wir uns selbst viel an Druck. Es braucht nicht immer ein Höher, Weiter und Schneller. Manche Zeiten erfordern ein Besinnen, Reflektieren und das Vertrauen, das es einen Weg geben wird.

 

Akzeptanz

Wurde eine Diagnose, ein Trauerfall oder ein persönliches Scheitern erst einmal akzeptiert, macht sich unser lösungsorientiertes Gehirn auf die Suche nach Einflussmöglichkeiten. Was kann ich beitragen? Wen kann ich um Hilfe bitten? Worauf muss ich mich einstellen? Wen habe ich an meiner Seite? Und wen will ich an meiner Seite haben? All das sind Fragen, die erst dann zu beantworten sind, wenn die neuen Umstände bedingungslos akzeptiert wurden. Ja, Tatsachen können grausam sein, doch die Flucht davor triggert weitere Ängste und verzögert bzw. verhindert das nötige Wachstum.

 

Flexibilität

In Zeiten der Unsicherheit lernen wir flexibel zu werden. Menschen mit chronischen Erkrankungen sind bereits ExpertInnen darin. Um mit niederschmetternden Diagnosen klarzukommen, zwischen Hoffnung und Enttäuschungen hin- und herzupendeln oder aber Zuversicht zu entwickeln, wenn die Aussicht besonders düster ist, braucht es vor allem die Fähigkeit sich anpassen zu können. Wer täglich mit dem Ungewissen jongliert, lernt mit jeder weiteren Aufgabe schneller wieder in ein tragfähiges Gleichgewicht zu kommen. Oder anders ausgedrückt: Flexibilität sorgt dafür, dass die emotionalen Auslenkungen mit den weiteren Herausforderungen geringer werden.

 

Geduld

Wenn wir unsere Pläne beharrlich umsetzen wollen, ist das Letzte, das wir gebrauchen können, wieder ein Hindernis. Gab es davon nicht schon genügend zuvor? Wer hat Zeit zu warten, wenn selbige so kostbar ist? Menschen, die beispielsweise durch Unfälle oder schwere Erkrankungen aus der Normalität gerissen wurden, erlernen eine Geduld, die ihresgleichen sucht. Es gibt zahlreiche Studien, die für derartige Schicksalsschläge eine Zeitspanne von rund zwei Jahren prognostizieren, um wieder zu einer Zufriedenheit zurückzufinden, die dem Zustand vor dem Ereignis gleichkommt. Und das unabhängig davon, ob bleibende Einschränkungen bestehen. Zwei Jahre an Geduld, die eine neue Sichtweise auf die Welt entstehen lässt. Wenn Unsicherheiten also Geduld verlangen, kann ein Prüfen der Lerngelegenheiten sinnvoll sein. Was gewinne ich, wenn ich an meiner Geduld arbeite? Wann hilft Geduld generell? Und wie verändere ich mich, wenn Plan A, B und C nicht aufgehen, Plan D aber etwas später mindestens genauso gut wird?

 

Wachstumsgelegenheiten

Eine meiner persönlichen Ansprüche im Leben lautet: Lerne aus allem, was dir passiert und nimm für die Zukunft das Wesentliche mit. Warum? Weil ich dann für mich persönlich einen Sinn - auch im Sinnlosen - erkenne. Und allem was ich heute noch nicht verstehe, gehe ich nach und nach auf den Grund. Ich mache dann aus einem Problem eine Mission und aus der Mission meine Bücher. ;-) Und spätestens dann bin ich all jenen voraus, die sich im Beklagen über Ungerechtigkeiten verlieren.

 

Hilfestellung

In schwierigen Zeiten lernen wir unsere Mitmenschen besonders gut kennen. Wer ist an meiner Seite? Wie lange sind sie für mich da? Was geschieht, wenn ich keine Unterstützung erfahre? Und wie verändere ich mich dabei? Der Mensch ist ein "Herdentier", er braucht andere, um zu wachsen, aber auch um im Ernstfall nicht ins Bodenlose zu fallen. Nun kann oder will nicht jeder Mensch sich um andere kümmern. Aufgrund eigener Überforderung, aber auch weil sich damit die Distanz zu den Schattenseiten des Lebens scheinbar verringert. Und das macht Angst. Nehmen Sie das nicht persönlich. Umgekehrt bieten jene Menschen die größte Hilfestellung, die wissen was es bedeutet hilflos zu sein. Das hat nun nichts mit dem sogenannten "Helfersyndrom" zu tun, sondern ist eine wunderbare menschliche Fähigkeit, andere nicht allein zu lassen, wenn sie sich selbst verloren haben.

 

Persönliches vs. gemeinschaftliches Problem

Das Gefühl allein mit dem Schicksal zu sein entfernt Betroffene häufig von ihren Mitmenschen. Scham, Schuld und Ängste triggern negative Gedanken, setzen unter Druck und zementieren den Status so richtig ein. "Warum hat es mich getroffen?", "Was habe ich falsch gemacht?" oder "Warum hilft mir niemand?" sind Einbahnstraßen in Richtung Verbitterung. Entlastung sorgt hier der Austausch mit Menschen, die ähnliche Prüfungen durchzustehen haben. Das Gefühl, nicht nur man selbst leide momentan unter dem Chaos, entlastet. Konsequent weitergedacht heißt das: Da wir uns gegenwärtig alle den unsicheren Zeiten zu stellen haben, entsteht neben einem Gemeinschaftssinn bestenfalls auch eine "Jetzt erst recht!"-Haltung.

 

Vertrauen

Ein Schritt vor und zwei zurück ist eine Aufgabe, mit der es erst umzugehen gilt. Vor allem chronisch Kranke sind oft Jahrzehnte mit derartigen Phasen konfrontiert. Sie lehren: Es braucht ein Verständnis für die eigene Situation und Möglichkeiten, eine tragfähige Gemeinschaft und vor allem Vertrauen in jene, die mehr wissen oder einen nüchterneren Blick auf das große Ganze werfen können. Je unaufgeregter, desto besser. Und ja die gibt es. Erfahrung allein ist für einen Marathon zu wenig, es braucht Taktik, Ziele und Betreuung von außen. Hier sind also ExpertInnen gefragt, die sich Jahrzehnte lang Wissen aneignen und Praxis sammeln. Besetzen Sie Ihr Boot, das Sie durch die Stromschnellen bringen wird, mit Vertrauten, Zuversichtlichen und Profis, denen Sie vertrauen.

 

Diese Liste könnte ich beliebig fortführen, denn die vielen stillen HeldInnen des Alltags verfügen über einen enormen Erfahrungsschatz. Leider werden sie oft übersehen. Doch vielleicht ist es nun gerade besonders an der Zeit hinzuhören, was uns diese wunderbaren, starken Menschen zu sagen haben. Erkennen werden Sie sie übrigens - auch wenn Sie nicht viel über sie wissen - an der Bereitschaft, im Sinne aller zu handeln, an der Fähigkeit Zuversicht zu schenken, aber auch an der Stärke andere zu stützen, wenn das Ungewisse sie zu überrollen droht.

 

Passen Sie auf sich und andere auf und bleiben Sie gesund! Gemeinsam füreinander!

 

Herzlichst, Tamara Nauschnegg

 

P.S.: Viele weitere Impulse finden Sie in meinen Büchern KRÄNKUNGEN - Was sie wert sind und wie wir sie überwinden und 365 Tage Leben - Ihr Tagebuch für das Wesentliche.

 


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