Vom Sinn und Unsinn unseres Aberglaubens

Der Aberglaube ist mehr als nur ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Auch in unserer aufgeklärten Gesellschaft spielen schwarze Katzen, Freitag der 13. und vierblättrige Kleeblätter eine erstaunlich wichtige Rolle. Den Aberglauben per se als Humbug abzutun wäre voreilig und würde die positiven Effekte vernachlässigen. Und die gibt es, wie die Wissenschaft bestätigt.

 

Vorauszuschicken ist: Magisches Denken ist Teil des Menschseins. Wir alle glauben dann und wann, dass Ursache und Wirkung auch unabhängiger Ereignisse auf eine "übernatürliche" Weise zusammenhängen. Wir nützen die Kraft von Glücksbringern, zelebrieren Wunschrituale und drücken anderen die Daumen. Und all das in der Gewissheit, dass wir dem Zufall auf die Sprünge helfen können. Tatsächlich können wir über Symbole und Rituale Kraftreserven anzapfen. Sie lassen unsere Welt ein Stück weit kontrollierbar bzw. vorhersehbar erscheinen. Unsicherheit und das Gefühl, keinen Einfluss auf das Leben zu haben, lösen Ängste aus. Und da ein gelingendes Leben wesentlich davon abhängt, wie wir unseren Ängsten begegnen, scannt das Gehirn permanent unsere Umwelt nach Mustern und Gesetzmäßigkeiten ab. Insbesondere in persönlich unsicheren Zeiten oder bei außergewöhnlichen Ereignissen, sucht es nach sinnvollen Zusammenhängen, um sich vom Gefühl, Spielball des Schicksals zu sein, lösen zu können.

 

Peter Brugger, Chef der Neuropsychologie an der Universität Zürich, kennt die neurochemische Grundlage unseres magischen Denkens. Es scheint der Botenstoff Dopamin zu sein. Unser Gehirn schüttet ihn aus, um Ereignisse als bedeutungsvoll abzuspeichern. Menschen mit einem höheren Dopaminspiegel filtern vermehrt außergewöhnliche Details aus der Umgebung heraus bzw. wollen mehr Zusammenhänge erkennen und neigen daher eher zu magischem Denken. Grundsätzlich ein evolutionär sinnvoller Mechanismus, denn Gefahren rechtzeitig zu erkennen, sichert unser Überleben.* Dennoch zieht unser Gehirn mitunter fehlerhafte Schlüsse. Und zwar dann, wenn zwei zufällige Umstände fälschlicherweise miteinander verknüpft werden.

 

Der Glaube beispielsweise, dass eine schwarze Katze von links kommend Unglück bringt, hält sich hartnäckig. Der Ursprung hierfür liegt im Mittelalter, als christliche Geistliche ein Abbild Satans in schwarzen Katzen erkennen wollten. Außerdem brachte man unsere Stubentiger in Zusammenhang mit Hexen, die in Gestalt einer Katze ihr Unheil anrichten könnten. Die linke Seite wurde unabhängig davon mit allem Schlechten in Verbindung gebracht, sodass schließlich eine Katze von links kommend besonders großes Unglück prophezeite. Der Wunsch nach Warnung in einer unsicheren Welt führte schließlich dazu, dass Millionen von schwarzen Katzen - oder je nach Zeit, Katzen unterschiedlicher Couleur - mit dem Leben bezahlen mussten. Ohne auf die zahlreichen Beispiele näher einzugehen, in denen Tiere oder Menschen zu Abbildern des Bösen wurden, lässt sich nur ein Schluss ziehen: Aberglaube in seiner negativen Form kann nur durch bewusstes Denken und nüchternes Prüfen der Fakten unterbunden werden. Irrationale Zusammenhänge müssen enttarnt werden, um Unheil nicht zu provozieren. Künstlich erzeugte Ängste schaden nicht nur den stigmatisierten Opfern, sondern auch den Abergläubischen selbst. Im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung - bei welcher vorausgesagte Ereignisse durch das eigene Verhalten hervorgerufen werden - können die beschriebenen schwarzen Katzen von links tatsächlich negative Konsequenzen haben. Und zwar dann, wenn die Angst vor den schwarzen Katzen unsere Erwartungshaltung negativ beeinflusst. Erwarten wir Unheil nach Sichtung einer Katze, wird das Gehirn die Umgebung so lange nach Negativem absuchen, bis unsere Erwartungshaltung ihre Bestätigung findet. Umgekehrt funktioniert dieser Mechanismus genauso, womit wir bei den positiven Konsequenzen des Aberglaubens wären. Erwarten wir, dass ein vierblättriges Kleeblatt Glück bringt, wird unser Gehirn nach Glücksmomenten Ausschau halten. Und diese positive Erwartungshaltung kann so manches Wunder wahr werden lassen. Der Glaube an einen Talisman lässt uns beispielsweise sicherer fühlen, mutiger werden und schließlich auch oft genug bessere Leistungen erbringen als Menschen, die nicht an Glücksbringer glauben, belegen wissenschaftliche Studien. Was das erwähnte Daumen drücken übrigens angeht, stellte man fest, dass selbst Glückwünsche, die wir anderen mit auf den Weg geben, einen positiven Effekt auf deren Erfolg haben können. Oder anders ausgedrückt: Wer daran glaubt, schwierige Situationen mit den Glückwünschen, der Kraft oder Energie seiner Mitmenschen bewältigen zu können, ist klar im Vorteil.

 

Auch wenn es manchmal den Anschein haben mag: Die Wissenschaft will den Aberglauben nicht entzaubern, sondern verstehen. Sie will Zusammenhänge finden, um Gesetzmäßigkeiten geprüft abzuleiten. Aberglaube - sofern er niemandem schadet - kann eine Quelle der Kraft sein. Schädlich wird Aberglaube vor allem dann, wenn er dazu führt, dass dogmatische Regeln aufstellt werden, deren Befolgung von anderen erwartet wird. Wenn der Glaube hingegen die sprichwörtlichen Berge versetzen kann, ist es umso wichtiger, wissenschaftliche Zusammenhänge zu verstehen. Denn wer um sie weiß, kann sie letztendlich auch effektiver anwenden. 

 

In diesem Sinne, herzlichst

 

Tamara Nauschnegg

 

 

P.S.: Die oben abgebildete schwarze Katze ist für ihre Katzenmama eine wahre Glückskatze. Wie immer ist alles eine Frage der Perspektive. ;-)

 

 

*Gielas, A.: Ein bisschen Aberglaube schadet nicht - im Gegenteil! IN: Psychologie Heute, 1, 2013, 20-26.

 


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