Der provozierte Onlinehass - wie uns soziale Medien manipulieren

Wir haben uns heute nicht nur mit der Bewertung unseres direkten Umfelds auseinanderzusetzen, sondern auch mit den "gut gemeinten" Ratschlägen aus der virtuellen Welt. Soziale Medien nützen das Bedürfnis andere zu belehren oder abzuwerten, um die Reichweite der Beiträge zu erhöhen und provozieren Kränkungen, die es in der Realität so nicht gäbe. Wohin führt die angestiftete Hetze? Mit welchen psychischen Konsequenzen ist zu rechnen? Und wie kann man der gewollten Negativität entkommen?

Den zahlreichen positiven Effekten der sozialen Plattformen stehen mindestens so viele negative Entwicklungen gegenüber. So verwundert es nicht, dass das Thema Cybermobbing mittlerweile unzählige Experten/innen weltweit beschäftigt. Ich habe der Online-Kränkung in meinem Buch KRÄNKUNGEN - Was sie wert sind und wie wir sie überwinden ein Kapitel gewidmet. Am Beispiel Kinder und Kindererziehung beschreibe ich, wie grausam die anonyme Kränkung sein kann und wie wir uns davor schützen können. Denn gerade diese so intime und sensible Phase des Lebens motiviert Menschen dazu, andere im Internet zu belehren, abzuwerten oder bloßzustellen.

 

Doch Achtung: Die Betreiber/innen der Seiten sozialer Medien verfolgen ein konkretes Ziel: die Steigerung der Reichweite ihrer Beiträge bzw. Seite. Dafür muss man wissen, dass die Reichweite sich nach einem Algorithmus entwickelt bzw. umgekehrt regelmäßig eingeschränkt wird. Grundsätzlich gilt: Je mehr "Likes", Kommentare, etc. ein Beitrag erhält, umso größer die Reichweite. Und welche Beiträge werden gerne kommentiert? Provokante Aussagen, extreme Geschichten oder jene Artikel, die in irgendeiner Form in uns ein Spannungsgefühl auslösen.

 

Um beim Beispiel Kinder zu bleiben: Gerne werden Fragen von Jungmüttern veröffentlicht, die nicht nur unglaubwürdig klingen, sondern bewusst provokant geschrieben oder aufgebauscht werden. "Mein zehn Wochen altes Kind hat 40°C Fieber, wann muss ich zum Arzt?" mag zwar den meisten Neoeltern irgendwann einmal durch den Kopf schießen, die Frage an ein Expertenforum zu stellen, das erst Tage später antworten kann, ist eher unwahrscheinlich. Tatsächlich werden viele Fragen konstruiert, um die Beitragsreichweite zu erhöhen. Fassungslose Eltern können sich dann kaum zurückhalten, über die vermeintliche "Dummheit" anderer zu urteilen. Gleiches gilt für Fragen, die nur eine Art von Antworten zulassen. Wenn ein Artikel beispielsweise vom Begraben lebendiger Hundewelpen berichtet, ist das Teil der Informationspflicht, wenn aber danach gefragt wird, was die Leser/innen darüber denken, ist der dahinterliegende Grund meist die Reichweitensteigerung des Beitrags. Hassbekundungen und sogar Todesdrohungen sind dann die Antworten, die zur Verbreitung der Artikel führen. Da die Abwertung anderer - ob online oder in der Realität - bestenfalls zur kurzfristigen Steigerung des eigenen Selbstwerts führt, sind die einzigen Gewinner/innen derartiger Aktionen die Betreiber/innen der Seiten selbst. Gehen wir einen Schritt weiter, zeigen sich zwei problematische Entwicklungen:

 

  1. Wenn wir konstruierte negative Beiträge häufiger kommentieren, überfluten sie allmählich das Netz. Denn je mehr Reaktionen auf die Artikel provoziert werden, umso häufiger werden diese auch anderen gezeigt. Wenn positive Beiträge zwar geschätzt, aber seltener kommentiert werden, führt das zwangsweise zu einem Ungleichgewicht zu Gunsten der Negativität.

  2. Die Qualität der Beiträge wirkt sich auf unsere Stimmung, unser Verhalten und unsere Wahrnehmung aus. Negative Beiträge aktivieren unser "negatives neuronales Netzwerk" und führen dazu, dass wir uns schlecht fühlen, uns womöglich aggressiver verhalten und Bestätigungen für unsere Vorurteile und Wut suchen. Denken wir beispielsweise an die "Fehler" unserer Kollegin, aktiviert unser Gehirn ähnliche Erinnerungen und Begebenheiten, um unsere negative Haltung ihr gegenüber zu rechtfertigen. Eine sich selbst nährende negative Spirale setzt sich dabei in Gang, der nur mit Wissen, Bewusstheit und Entschlossenheit entgegenzuwirken ist.

 

Durchschauen Sie die gewollte Negativität. Wenn Fragen in sozialen Medien ausschließlich negative Antworten provozieren oder Sie das Gefühl haben, es soll Hass geschürt werden, dann ist dem wahrscheinlich auch so. Das Leben ist vielfältig und es gibt kein "schwarz" oder "weiß". Und dogmatische Antworten beschreiben nicht die Realität. Wenn Mütter dazu angestiftet werden zu beurteilen, ob eine spontane Geburt oder ein Kaiserschnitt die "richtige" Art zu gebären ist, dann denken Sie zukünftig an die Reichweitensteigerung der Beiträge. Und wenn Sie selbst irgendwann das Gefühl haben, einen Beitrag nicht unkommentiert lassen zu wollen, dann prüfen Sie, ob Ihre Meinung unterstützen kann oder nur belehrend wirkt. Bei konstruierten Fragen können Sie weder jemanden unterstützen noch belehren. Im Grunde genommen werden Sie lediglich zum Hetzen verleitet. Daher mein Appell: Lassen Sie sich nicht instrumentalisieren!

 

Drehen Sie den Spieß um: Unterstützen Sie jene Seiten sozialer Plattformen oder Foren mit Ihren "Likes" und Kommentaren, die andere stärken wollen. Sie profitieren nicht nur vom Wissen der Autoren/innen, sondern auch vom Aktivieren Ihres "positiven neuronalen Netzwerkes". Denn wenn Ihnen beispielsweise eine Hebamme in einem Artikel die Kompetenz als Mutter oder Vater mit den Worten "Sie sind die/der Experte/in Ihres Kindes" zuschreibt, werden Sie sich in den ersten Wochen mit Ihrem Baby wahrscheinlich sicherer fühlen und tatkräftig an Lösungen der neuen Herausforderungen arbeiten können. Je mehr Sie derlei positive Berichte im Internet unterstützen, umso größer wird ihre Reichweite sein. Im besten Fall keimen damit die Samen der Hoffnung nicht nur in Ihnen, sondern in zahlreichen weiteren Menschen.

 

In diesem Sinne, herzlichst

 

Tamara Nauschnegg

  


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Kommentare: 2
  • #1

    Ewald (Dienstag, 17 Oktober 2017 13:25)

    Irgendwie beängstigend :-(

  • #2

    Tamara Nauschnegg (Dienstag, 17 Oktober 2017 22:35)

    Das stimmt, Ewald! Aber wir können glücklicherweise auch gegensteuern! Jede Stimme zählt! :-)

    Einen schönen Abend wünsche ich!
    Liebe Grüße, Tamara Nauschnegg