Ich gründe meine Freundschaftsfamilie - Wenn Freundschaften Entschädigung für die Familie sind

Wenn uns mitteilungsbedürftige Zeitgenossen/innen mit ihrem perfekt organisierten Familienleben beeindrucken wollen, wenn sie stolz erklären, wie großartig die Generationen an einem Strang ziehen und dass die Familie ohnehin das Wichtigste im Leben sei, fühlen wir uns schnell minderwertig - sieht es in unserem Leben doch meist völlig anders aus. Oft überschattet eine schwierige Kindheit das Erwachsenendasein, die Großeltern nehmen nicht am Leben der Enkelkinder teil und Geschwister wenden sich voneinander ab. Das sprichwörtliche Blut ist nicht immer dicker als Wasser und Freunde/innen können tatsächlich - überspitzt formuliert - zur Entschädigung für die eigene Stammfamilie werden.

Wir werden als hilflose Wesen geboren und sind eine Zeit lang Mittelpunkt der Familie bis wir allmählich unseren Platz im familiären System und schließlich auch in der Gesellschaft gefunden haben. Wenn Menschen danach gefragt werden, was das Wichtigste im Leben sei, antworten die meisten mit "Familie". Ist sie doch der "sichere Hafen", der bedingungslose Liebe, Rückhalt und Unterstützung bietet. So zumindest die Theorie. Psychologen/innen und Ärzte/innen weltweit können bestätigen, dass es die perfekten Familien nicht gibt und nahezu jede Familie mit Ballast kämpft, der nicht nach außen dringt. Oft belasten die eigenen Unzulänglichkeiten das Miteinander und Neid, Eifersucht, Machtspiele und emotionale Erpressung stehen an der Tagesordnung. Dennoch fühlen wir uns unserer Stammfamilie gegenüber verpflichtet. Schuldgefühle, gesellschaftlicher Druck und der Traum von der heilen Welt lassen uns mehr ertragen, als wir bei Freundschaften zulassen würden.

 

Tatsache ist: Wir können uns unsere Stammfamilie nicht aussuchen, aber immerhin dürfen wir entscheiden, mit wem wir befreundet sein wollen. Manche Beziehungen zur Ursprungsfamilie vertragen nicht die Nähe, die wir brauchen. Wir können sie aber bei Gleichgesinnten finden. Verstehen wir also das "Gründen einer Freundschaftsfamilie" - wie ich es hier nenne - als Chance, die eigene Familie zu erweitern, zu bereichern oder auch zu ersetzen. Nicht jede/r wird von Geburt an mit einem liebevollen Umfeld verwöhnt. Vielleicht hilft aber der Gedanke, dass wir den oben beschriebenen "sicheren Hafen" auch bei nichtverwandten Menschen finden können.

 

Bevor wir uns nun die Kraft der Freundschaft näher ansehen und den Vergleich zur Stammfamilie ziehen, sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass es oft guttun kann, die familiäre Situation mit professioneller Unterstützung aufzuarbeiten. Vielleicht überschatten die eigenen Erwartungen und Ansprüche oder längst verdrängte Kränkungen den wertschätzenden Umgang. Oft braucht es den Blick geschulter Außenstehender, um neue Perspektiven einnehmen zu können. Gönnen Sie sich diese reflektierte Auseinandersetzung, wenn Sie unter Ihrer Situation leiden. Sie finden womöglich Wege gemeinsam weiterzukommen oder aber auch friedvoll auf Distanz zu gehen. Dass Trennungen auch im familiären Umfeld nötig sein können, beschreibe ich in meinem Buch KRÄNKUNGEN - Was sie wert sind und wie wir sie überwinden. Manchmal müssen wir uns schützen, wenn es unsere Nächsten nicht tun (können).

 

Zurückkommend auf die Frage, ob Freunde/innen auch die Familie ersetzen können, möchte ich auf zwei neue amerikanische Studien verweisen. Knapp 280.000 Menschen aus knapp 100 verschiedenen Ländern nahmen daran teil. Grundsätzlich stellte man in der ersten Untersuchung fest, dass sowohl Familien- als auch Freundschaftsbeziehungen mit einer besseren Gesundheit und gesteigerten Lebenszufriedenheit einhergingen (siehe auch Die wichtigste Zutat für ein glückliches Leben). Aber Freundschaften haben eine stärkere Vorhersagekraft für die Gesundheit und das Lebensglück im fortgeschrittenen Alter als Beziehungen zu Familienmitgliedern. Nicht nur, dass mit zunehmendem Alter die eigenen Großeltern und Eltern (eventuell auch Geschwister) sterben, sondern auch der Umstand, dass wir ausgewählte Menschen um uns scharen, lässt die Bedeutung familiärer Beziehungen allmählich in den Hintergrund treten.

 

Die zweite Studie betont ebenso die überlegene Macht der Freundschaft. Werden Freunde/innen als Unterstützung wahrgenommen, fühlten sich die Probanden/innen zufriedener und glücklicher. Waren sie hingegen Ursache von Belastungen, berichteten die Teilnehmer/innen vermehrt über chronische Krankheiten.* Gerade freundschaftliche Krisen können uns zusetzen, da Freunde/innen ja immerhin die Menschen sind, die wir selbst ausgesucht haben. Doch dass sich Freundschaften im Lauf des Lebens wandeln, ist unumgänglich. Menschen entwickeln sich unterschiedlich, Umstände verändern sich und damit auch die Beziehungen. Manche Freunde/innen begleiten uns ein ganzes Leben lang, wohingegen andere nur ein Stück des Weges mit uns gehen. Freundschaften aufrechtzuerhalten kann schwierig sein, ist aber eine Investition in die Zukunft. Denn gerade im Alter bieten Freunde/innen die Unterstützung, die der Lebensabend fordert. Wenn der Ruhe- zum Unruhestand wird, der/die Partner/in verstirbt und die Einsamkeit übermächtig wird, können Freundschaften der Silberstreif am Horizont sein. Sich allein auf das Gefühl familiärer Verpflichtung unserer Verwandten zu verlassen, kann sich als nachteilig erweisen. Und gilt nicht zuletzt ohnehin: Ob Familie oder Freunde/innen, am besten tun uns Beziehungen, die freiwillig entstanden sind. Und ich persönlich bin lieber von Menschen umgeben, die gerne mit mir Zeit verbringen und mich um meiner selbst Willen lieben als von jenen, die sich mir gegenüber verpflichtet fühlen.

 

In diesem Sinne, herzlichst

 

Tamara Nauschnegg

 

 

*Michigan State University: Are friends better for us than family? http://msutoday.msu.edu/news/2017/are-friends-better-for-us-than-family/s, Online: 06.06.2017.

 


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Kommentare: 4
  • #1

    Barbara (Montag, 31 Juli 2017 11:44)

    Danke!!!!!!!!!! Die Worte berühren meine Seele! Schwierige Kindheit, schwierige Familie, Sie bekommen eine PN von mir!

  • #2

    Tamara Nauschnegg (Dienstag, 01 August 2017 12:45)

    1) Danke für die Rückmeldung!
    2) Sie haben Post (E-Mail) ;-)

    Liebe Grüße, Tamara Nauschnegg

  • #3

    Emma R. (Freitag, 18 August 2017 12:36)

    Liebe Frau Psychologin!
    Bisher war ich nur stille Mitleserin aber jetzt muss ich etwas loswerden: Ihre Texte lassen mein schlechtes Gewissen verfliegen. Ich danke Ihnen dafür! Sie beschreiben nicht wie man es tuen muss sondern wie man es tuen kann. Das befreit mich! Sie haben eine Fanin *hihi*
    LG aus dem Allgäu, Emma R.

  • #4

    Tamara Nauschnegg (Freitag, 18 August 2017 13:31)

    Danke für die herzlichen Worte, liebe "Fanin" ;-)
    Ein schlechtes Gewissen zu haben kann sehr energieraubend sein - erst recht, wenn es unbegründet ist. Unser Gehirn kann da sehr hartnäckig sein! Aber schön, dass Ihnen meine Worte helfen! Ich freue mich sehr für Sie! :-)

    Herzliche Grüße und ein schönes Wochenende!
    Tamara Nauschnegg