Lisa Gallistl: Und trotzdem strahlt die Sonne

DKKS Lisa Gallistl
DKKS Lisa Gallistl

Es war der 18. Februar 2012, der bisher schönste Tag in meinem Leben. Meine kleine Tochter erblickte das Licht der Welt. Sie war bezaubernd, einfach perfekt! Die ersten zwei Monate vergingen sehr schnell. Als sie knapp über zwei Monate alt war bemerkten wir, dass sie nicht richtig "schaut". Es hatte den Anschein als würde sie sich schwer tun, etwas zu fixieren. Auch fiel uns ein Nystagmus, also ein Augenzittern, auf. Zu diesem Zeitpunkt verdrängten wir den Gedanken an Krankheiten noch ein wenig und redeten uns ein, sie würde bestimmt noch beginnen zu fixieren.

 

Mit drei Monaten hatten wir schließlich einen Impftermin bei einer lokalen Behörde, der alles veränderte. Ich setzte mich mit meinem Liebling nieder und wir warteten gemeinsam auf den Stich! Auf einmal, wie aus dem nichts, meinte die Ärztin forsch zu mir, ob ich nicht merke, dass meine Tochter blind sei. Plötzlich wurde es still, ich hörte alles nur noch aus der Ferne. Sie stellte immer mehr Fragen über die Geburt, APGAR-Werte,... und ich antwortete wie in Trance. Mit diesem Tag begann die komplette Maschinerie zu laufen. Schon bald hatten wir einen Termin im Krankenhaus, wo man uns mitteilte, dass meine Tochter eine Brille tragen müsste, da sie extrem weitsichtig sei. Das Sehen würde sie damit allmählich erlernen... große Erleichterung!!!

 

Wir begannen mit Sehfrühförderung, Physiotherapie und verschiedenen alternativmedizinischen Therapien... Alles drehte sich nur mehr um das SEHEN... Die Monate vergingen... immer wieder Termine im Krankenhaus... immer wieder Vertröstungen. Es würde bei meiner Tochter eben länger dauern bis sie zu fixieren beginnt... Da auch ihre motorische Entwicklung nicht altersentsprechend war, begann ich mir natürlich große Sorgen zu machen, ob nicht mehr dahinter steckte.

 

Als meine Prinzessin elf Monate alt war, waren wir wieder im Krankenhaus. Keine Besserung, keine Diagnose. Es hieß immer noch: Brille tragen, sie brauche einfach länger. Als sie schließlich 14 Monate alt war, ging ich zu einer niedergelassenen Augenärztin. Und da war sie endlich, die gefürchtete und doch langersehnte Diagnose: Meine Tochter gilt im gesetzlichen Sinne als blind! 

 

Jetzt hatte ich sie... schwarz auf weiß, fett am Papier stehen. Eine Welt brach zusammen. Obwohl wir es geahnt hatten, war bis zu diesem Tag immer noch ein Funken Hoffnung vorhanden. Von der Diagnose weg, drei Monate lang, verfiel ich in eine depressive Verstimmung, Depression, keine Ahnung... ich funktionierte einfach...

 

Eines Tages begriff ich, dass mein "nur Funktionieren" niemandem etwas brachte... und schon gar nicht meiner Tochter!!! Ich googelte, informierte mich über Therapiemöglichkeiten und und und... ich versuchte sie wie ein sehendes Kind aufwachsen zu lassen…

 

Mit zweieinhalb Jahren zerschlug sich glücklicherweise meine Befürchtung, meine Tochter könnte noch mit weiteren Einschränkungen konfrontiert sein. Sie begann sich im Eiltempo zu entwickeln… Sie lernte sprechen, gehen, ... ganz wie ein sehendes Kind!

 

Im August 2014 war ich wieder schwanger! Die Freude war groß! Unser kleiner Sohn war unterwegs und machte unsere Familie schließlich am 26. März 2015 komplett. Er war genauso hinreißend wie meine Tochter! Ich versuchte die Säuglingszeit zu genießen, ohne darüber nachzudenken, ob auch er blind sein könnte…

 

Als mein Sohn sieben Wochen alt war hatten wir eine Routineuntersuchung in einem Schlaflabor. Im Wartebereich befand sich ein anderer Säugling mit seinen Eltern. Er war jünger als mein Sohn und starrte mich an. In dem Moment wurde mir bewusst, dass auch mein Sohn nicht richtig "schaut". Ich versuchte nicht in Panik zu verfallen... Doch zuhause angekommen bemerkte ich auch bei ihm ein leichtes Augenzittern. Alles erinnerte mich auf einmal an meine Tochter. Jetzt verfiel ich in Panik. Ich kontaktierte unsere Augenärztin, die mich zu beruhigen versuchte. Bis zur zwölften Woche müssen Säuglinge fixieren, also hatte mein Sohn noch Zeit, meinte sie.

 

Aber, so wie bei meiner Tochter, veränderte sich sein Sehverhalten nicht. Auch nicht nach zwölf Wochen... Ich konnte es nicht fassen, dass auch mein Sohn blind ist. Ich war verzweifelt und doch weckte irgendetwas auch diesmal den Kampfgeist in mir. Wir starteten einfach noch einmal mit den Therapien etc. durch - aber dieses Mal mit Erfahrung!

 

Im Verwandten- und Freundeskreis erlebte ich immer wieder Höhen und Tiefen... Viele wussten nicht, wie sie mit unserer Situation umgehen sollten. Einige versuchten tröstende Worte zu finden wie zB. "Du bist so stark! Nur du kannst das schaffen…!" oder "Die Kinder haben euch als Eltern ausgesucht…" oder "Ich bewundere wie du das machst…". Ich weiß, sie meinten es alle nur gut, aber zu Beginn schmerzten mich solche Äußerungen sehr... ich wollte nicht stark sein, ich wollte es nicht schaffen... ich wollte einfach "nur" gesunde Kinder, so wie viele Eltern! Mittlerweile antworte ich mit einem Lächeln! Wir sind unheimlich stolz auf unsere zwei bezaubernden, entzückenden, tollen Kinder! Sie entwickeln sich perfekt! Können so viel. Meine Tochter spielt Klavier, fährt Laufrad, Roller, Schi, sie schwimmt und hat viel Spaß am Leben... ganz gleich wie andere Kinder eben auch! Mein Sohn ist noch zu klein für derartige Aktivitäten, aber er eifert seiner großen Schwester mit schnellen Schritten nach!!! Im Leben ist so vieles möglich! Ich hätte mir zu Beginn nie gedacht, was man alles erreichen kann. Und vor allem, dass es so viele Möglichkeiten gibt!!! Wenn ich also eine Botschaft an dieser Stelle mitgeben kann, dann ist es Folgende: Das Leben ist wunderschön und die Sonne tragen wir im Herzen! :-)

 


Ein unfassbares Leben, eine unfassbare Frau. Ich bin zutiefst beeindruckt von so viel Engagement, Herzblut und Lisas Strahlkraft. Die täglichen Herausforderungen mit zwei blinden Kindern haben sie nicht nur stärker, sondern auch mindestens so lebenslustig gemacht. Schön, liebe Lisa, dass wir über Alltägliches gemeinsam lachen können und dass du dir die Fähigkeit erhalten hast, mit einem "Jetzt erst recht" in die Zukunft zu blicken!

 

Lisa hat während ihrer Karenz die Leidenschaft für das Stricken (wieder)entdeckt. Und da der nächste Winter immer früher kommt, als man denkt, hier ein kleiner Vorgeschmack auf ihre Meisterwerke. Auftragsarbeiten werden gerne entgegengenommen. 

 

 

 

P.S.: Liebe Lisa, ich bestelle ein Familienset! DANKESCHÖN :-)