Ich bin dann mal kreativ - Wie Kreativität der Psyche gut tut

Wir überlassen nur selten unserer Kreativität das Steuerrad. Meist sind unsere Tage von rationalen Überlegungen bestimmt und durch Termine getaktet. Wenn dann doch Platz für seelische Entspannung ist, scheint der Fernsehapparat unser bester Freund zu sein. Doch es gibt viele weitere Aktivitäten, die Stress und Sorgen vergessen lassen. Unserer Psyche besonders zuträglich ist die tägliche Extraportion Kreativität, wie eine Studie nun zeigt.

Aus der bisherigen psychologischen Forschung weiß man, dass Kreativität und psychische Gesundheit zusammenhängen. Allerdings konzentrierte man sich in Studien vorwiegend darauf, die Auswirkungen von Emotionen auf die Kreativität zu erforschen. Ein Team um Dr. Tamlin Connor von der Universität Otago untersuchte nun, wie sich umgekehrt die Kreativität auf unser emotionales Wohlbefinden auswirkt. Zu diesem Zweck wurden 658 Personen gebeten, über mehr als 13 Tage hinweg Tagebuch zu führen und Auskunft über ihre Erfahrungen und Stimmungen zu geben.

 

Die Forscher/innen erkannten - nach Analyse der Tagebücher - ein Muster in der Veränderung der Stimmungslage. So waren die Probanden/innen an den Tagen, die einer kreativen Aktivität folgten, deutlich glücklicher und begeisterter als in den übrigen Tagen - ja sie blühten regelrecht auf. Umgekehrt führten Tage, die von Gefühlen wie Glück, Heiterkeit, positive Erregung und Begeisterung geprägt waren, am darauffolgenden Tag zu keiner gesteigerten Kreativität. Wohl aber können positive Gefühle die Kreativität desselben Tages steigern.

 

Im Hinblick auf die Auswirkung von Kreativität auf das Wohlbefinden beobachtete man eine regelrechte Aufwärtsspirale. Nach kreativer Betätigung steigerten sich die positiven Emotionen des darauffolgenden Tages deutlich. Anders gesagt: Wenn wir kreativ sind, führt das zu einer Zunahme unseres Wohlbefindens am darauffolgenden Tag und dieses Wohlbefinden wiederum steigert die Kreativität desselben Tages. Es entsteht damit eine Aufwärtsspirale des Wohlbefindens, die sich selbst antreibt. Kreative Tätigkeiten waren übrigens zum Beispiel Musizieren, Stricken oder Häkeln, kreatives Schreiben, Rezepte kreieren, Malen sowie graphisches und digitales Design.*

 

Fazit: Sie müssen nicht unbedingt einen kreativen Job ausüben, um glücklich zu sein. Jedoch hilft bereits eine Extraportion Kreativität pro Tag, um das psychische Wohlergehen zu steigern und diese lässt sich mit Sicherheit in Ihren Alltag integrieren. Probieren Sie Neues aus, profitieren Sie von Ihren Erlebnissen und bringen Sie über die Regelmäßigkeit Ihre persönliche Glücksspirale zum Aufwärtsdrehen. Manchmal braucht es nicht mehr als Stricknadeln, ein Blatt Papier oder Stifte, um sich Gutes zu tun. Und wie immer gilt: Finden Sie heraus, was Ihnen gut tut und tun Sie es so oft wie möglich.

 

In diesem Sinne, herzlichst

 

Tamara Nauschnegg

 

 

* Conner, T.S., DeYoung, C.G., Silvia, P.J.: Everyday creative activity as a path to flourishing. IN: The Journal of Positive Psychology, 11, 2016, 1-9.

 


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Stell dich nicht so an! Wenn das Bewältigen von Problemen überheblich macht

Herausforderungen zu überwinden erfordert Geduld, Schweiß und Tränen. Gelingt es schließlich doch, uns über das Problem zu erheben, werden wir mit dem guten Gefühl der Stärke und einem wachsenden Mitgefühl für andere belohnt. Meistens. Doch dass wir unsere Mitmenschen auch oft genug für das Scheitern an Aufgaben, die wir selbst bewältigen konnten, abwerten, zeigt nun eine Studienreihe aus Amerika.

In zahlreichen psychologischen Untersuchungen der letzten Jahre fand man heraus, dass Menschen, die Probleme am eigenen Leib erfahren haben, sich mitfühlender gegenüber jenen verhalten, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. Für gewöhnlich lässt die eigene Geschichte Verständnis für die erlebten Mühseligkeiten anderer zeigen. Gerne wird dann Hilfe bei denjenigen gesucht, die sich aus schwierigen emotionalen Situationen befreien konnten. Doch was geschieht, wenn es dem/der Hilfesuchenden nicht und nicht gelingen will, die Herausforderung zu meistern? Und wie reagieren wir, wenn wir dasselbe Problem überwinden konnten?

 

Ein Team aus Wissenschaftlern/innen um Rachel Ruttan konnte zeigen, dass Personen, die eine bestimmte Herausforderung bereits erfolgreich bewältigt hatten, das Versagen anderer in derselben Situation, kritischer bewerten als jene, die eine vergleichbare Gegebenheit noch nicht durchleben mussten. Die Forscher/innen sehen die Ursache darin, dass wir bei erfolgreicher Überwindung die tatsächlichen Mühen nicht mehr detailgenau abrufen können und uns vorwiegend auf unseren Erfolg konzentrieren. Andere Personen, die an derselben Herausforderung scheitern werden dann kritisch beurteilt.

 

Die Erkenntnisse beruhen auf insgesamt fünf durchgeführten Untersuchungen mit mehreren Personengruppen. Eine davon hatte zunächst an einem ermüdenden Gedächtnistest teilzunehmen. Nach einer Woche mussten dieselben Probanden/innen eine Person - die vermeintlich am Test scheiterte - beurteilen. Eine zweite Gruppe bewertete die gescheiterte Person, ohne je selbst am Test teilgenommen zu haben. Tatsächlich beurteilten jene Personen, die den Test erfolgreich absolviert hatten, die vermeintlich gescheiterte Person deutlich schlechter als die Probanden/innen, die nicht daran teilgenommen hatten.

 

Schuldig bleiben die Studien die Antwort auf die Frage, ob die gescheiterte Person auch abgewertet werden würde, wenn sie und die erfolgreiche Person eng miteinander befreundet wären. Auch ist noch nicht klar, ab wann sich der Effekt zeigt. Wie vergleichbar muss die Herausforderung sein? Und sinkt die Abwertung mit zunehmendem Schwierigkeitsgrad der Herausforderung?*

 

Tatsächlich geben die Studien aber erste Einblicke in das vermeintlich unlogische Verhalten mancher Menschen, die nicht mitfühlend sondern ungeduldig und fordernd auf die vergeblichen Überwindungsversuche Leidgeplagter reagieren. Erlauben wir uns, die Erkenntnisse - mit Einschränkung - auch auf andere Bereiche zu übertragen, fällt uns schnell auf: Menschen reagieren selten vorhersehbar. Wenn wir beispielsweise eine Trennung überwinden müssen, finden wir mit Sicherheit empathische Menschen, die unseren Kummer nicht kleinreden werden. Und das selbst wenn unsere bisherigen Versuche kläglich scheiterten und die um Hilfe Gebetenen bereits mehrere Trennungen hinter sich gebracht haben. Ziehen Sie aber auch in Betracht, dass so manche/r "Trennungsspezialist/in" forsch, ungeduldig, ja sogar abwertend sein wird. Der eigene Sieg über den Liebeskummer kann offenbar manchmal blind für die Gefühle anderer machen.

 

ABER: Ging es uns nicht allen irgendwann so? Wir erinnern uns zwar an die Strapazen gewisser Herausforderungen, können aber die tatsächliche Verzweiflung nicht mehr in vollem Ausmaß spüren. Ein gesunder Mechanismus im Grunde, denn nur wenn wir Wunden auch heilen lassen können, werden wir Kraft für weitere Herausforderungen haben. Lassen Sie daher Nachsicht walten und fragen Sie auch öfters mal bei den Personen um Rat, die bisher von Ihrem Unglück verschont geblieben sind. Und wenn Sie zu jenen gehören, die allzu schnell vergessen, wie sehr uns Ereignisse manchmal aus der Bahn werfen, dann schreiben Sie bei zukünftigen Krisen ein paar Worte dazu nieder. Auf diese Weise können Sie Ihre Erfahrungen gedanklich "ablegen", sich später aber auch noch genau genug daran erinnern, um festzustellen, dass das Überwinden von Herausforderungen manchmal mehr als nur den Willen dazu braucht. Ein kleiner Tipp noch zum Schluss: Wenn Sie nicht ausführlich Tagebuch führen und trotzdem vom Niederschreiben profitieren wollen, empfehle ich Ihnen mein Buch 365 Tage Leben - Ihr Tagebuch für das Wesentliche. Mit fünf Minuten täglich lassen sich damit Ereignisse einfangen, Gedanken dazu niederschreiben und Lehrreiches herausschälen. Viel Freude damit! :-)

 

Herzlichst,

 

Tamara Nauschnegg

 

 

 

*Ruttan, R. L., McDonnell, M. H., Nordgren, L. F.: Having “been there” doesn’t mean I care: When prior experience reduces compassion for emotional distress. IN: Journal of Personality and Social Psychology, 108, 2015, 610-622.

 


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Wenn großelterliche Fürsorge das Leben verlängert

Großeltern lieben ihre Enkelkinder. Die kleinen Geschöpfe holen ihre Kindheit zurück, spenden bedingungslose Liebe und weisen die Sorgen des Älterwerdens in die Schranken. Doch die großelterliche Fürsorge kann mehr. Sie vermag sogar das Leben zu verlängern, wie eine umfangreiche Studie nun zeigt.

 

Dass das Verhältnis der Großeltern zu ihren Enkelkindern oft etwas ganz Besonderes ist, werden viele unter Ihnen wahrscheinlich bestätigen. Bei Oma und Opa ist alles möglich und fast alles erlaubt. Schon Kleinkinder profitieren von einer liebevollen Beziehung zu ihren Großeltern und lernen mit ihnen eine neue Sicht auf die Welt kennen. Wie sich nun die Fürsorge der Großeltern auf deren Lebensspanne auswirkt, stellten Wissenschaftler/innen in einer breitangelegten Studie ins Zentrum.

 

Basis für die Auswertungen waren die sogenannten Berliner Altersstudien, die zwischen 1990 und 2009 die Daten von über 500 Senioren/innen im Alter zwischen 70 und 103 Jahren erfasst hatten. Die Forscher/innen verglichen Gesundheitsparamter bzw. Alter und Lebenserwartung von Großeltern, die sich um ihre Enkelkinder kümmerten mit jenen, die das nicht taten. Rund die Hälfte der fürsorglichen Großeltern, die sich um die Familien ihrer Kinder bemühte, lebte im Durchschnitt noch zehn Jahre nach dem Erstinterview. Von jenen Großeltern, die sich hingegen nicht kümmerten, starb rund die Hälfte innerhalb von fünf Jahren. Der Effekt blieb sogar bestehen, wenn der Gesundheitszustand der Damen und Herren zu Beginn berücksichtigt wurde.

 

Aber Achtung: Für die positive Wirkung der Kinderbetreuung scheint das Ausmaß der Fürsorge besonders relevant zu sein. Moderates Engagement wirkt offenbar gesundheitsförderlich, wohingegen zu viel verpflichtende Betreuung Stress bedeutet und sich wiederum negativ auf die Gesundheit auswirken kann. Die Forscher/innen sehen übrigens die großelterliche Fürsorge als Fortsetzung der elterlichen Obhut, die sich prinzipiell positiv auf das persönliche Wohlbefinden und die Gesundheit - und damit auf die Lebenserwartung - auswirkt.

 

Und was ist nun mit jenen Damen und Herren, die nicht das Glück haben, Enkelkinder zu begleiten? Auch für sie hat die Studie gute Nachrichten. Jene Senioren/innen, die zwar keine Enkelkinder hatten, sich aber um andere Menschen kümmerten, lebten im Durchschnitt noch sieben Jahre nach dem Erstinterview. Im Vergleich dazu lebten Menschen, die sich nicht sozial engagierten durchschnittlich nur mehr drei Jahre.*

 

Unsere Fürsorge ist einmal mehr als gesundheitsförderlicher Faktor identifiziert worden. Auch wenn er kein Garant für eine Lebensverlängerung ist, können Menschen in jedem Alter von den persönlichen Vorteilen des "Sichkümmerns" profitieren.

 

Lassen Sie mich an dieser Stelle noch einen Dank an alle liebevolle Großeltern aussprechen. Es ist schön, dass Sie Ihre Enkelkinder begleiten und viel Freude weiterhin an den kleinen und großen Schätzen!

 

In diesem Sinne, herzlichst

 

Tamara Nauschnegg

 

 

*Hilbrand, S., Coall, D.A., Gerstorf, D., Hertwig R.: Caregiving within and beyond the family is associated with lower mortality for the caregiver: A prospective study. IN: Evolution Human Behavior, 38(3), 2017, 397-403. 

 


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Machen Sie sich (keine) Sorgen!

 

Sich Sorgen zu machen hat einen denkbar schlechten Ruf. Nicht unbedingt zurecht, wie Forscher/innen unlängst berichteten. Denn Sorgen können uns nicht nur das Leben schwer machen, sondern auch motivationalen Charakter haben, schützende Verhaltensweisen verstärken und uns emotional auf schwierige Ereignisse vorbereiten.

 

Vorauszuschicken ist: Ein gelingendes Leben hängt wesentlich von der Fähigkeit ab, die eigenen Sorgen managen zu können bzw. sich weder zu viele noch zu wenige Sorgen zu machen. Während die meisten Menschen das "Sichsorgenmachen" bis zur Perfektion beherrschen und darunter leiden, sind sich die wenigsten bewusst, dass sich durchaus wertvolle Aspekte dahinter verbergen. Die Psychologieprofessorin Kate Sweeny hat beispielsweise herausgefunden, dass sich zu sorgen mit einer rascheren Erholung nach traumatischen Erlebnissen und Depressionen in Zusammenhang stehen kann, eine flexiblere Vorbereitung und Planung ermöglicht, aber auch zu Aktivitäten anregt, die unsere Gesundheit fördern und Krankheiten verhindern. Zudem scheinen chronisch Sorgengeplagte bei Schulleistungen und am Arbeitsplatz besser abzuschneiden, da sie vermehrt nach (erfolgreichen) Lösungen ihrer Probleme suchen, so die Psychologin.

 

Sorgen sind oft genug übertrieben, können aber auch ein Hinweis sein, dass die Lage tatsächlich ernst ist und eine Reaktion erfordert. Außerdem verhilft sorgenvolles Nachdenken, den Stressfaktor präsent zu halten, was uns wiederum dazu bringt, über Handlungsschritte nachzudenken. Sonnenschutzmittel zur Vorbeugung gegen Hautkrebs aufzutragen und Sicherheitsgurte im Auto zu verwenden sind beispielsweise Ergebnis berechtigter Sorgen. Nicht zuletzt veranlasst uns das unangenehme Gefühl dazu, passende Wege auszuprobieren, um unsere Sorgen zu verringern. Letzteres führt zu dem fast schon paradoxen Umstand, dass Sorgen - sind sie erst einmal überwunden - das allgemeine Befinden beachtlich steigern können. Oder mehr noch: Eine ohnehin schon gute Erfahrung kann an Bedeutung gewinnen, wenn sie einer schlechten folgt. Unsere immense Vorstellungskraft lässt die Sorgen der Zukunft oft so intensiv werden, dass die tatsächliche Reaktion auf das Ereignis als weniger belastend empfunden wird. Oder anders ausgedrückt: Abgesehen von jenen Ereignissen, die tatsächlich jede Vorstellung sprengen, sind die gedanklichen Schreckensszenarien meist unangenehmer als die Realität. Fazit: Auf das Schlimmste gefasst zu sein, lindert im Bedarfsfall tatsächliche Enttäuschungen, verstärkt aber auch die Freude, wenn Umstände doch positiv ausgehen.*

 

Selbstverständlich halte ich Sie an dieser Stelle nicht dazu an, sich mehr Sorgen zu machen. Im Gegenteil. Ich möchte Sie dazu ermutigen, Ihren Sorgen und Ängsten nicht grundsätzlich mit Ablehnung und Panik zu begegnen. Einige davon haben durchaus ihre Berechtigung und können wertvolle Hinweise liefern. Klar ist aber auch, dass ein gesundes Mittelmaß der Weg ist. Allzu unbekümmert oder umgekehrt starr vor Angst zu sein, kann auf Dauer Ihre Lebensqualität einschränken oder schlimmer noch, Sie Ihrer Zukunft berauben. Verurteilen Sie sich nicht für Ihre Sorgen, erlauben Sie sich ein gewisses Maß ganz bewusst, prüfen Sie den Mehrwert und genießen Sie trotzdem das Leben im Hier und Jetzt!

 

Herzlichst, Tamara Nauschnegg

 

 

*Sweeny, K., Dooley, M.: The surprising upsides of worry. IN: Social an Personality Psychology Compass, 11(4), 2017, e12311.

 


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Wie uns der Wunsch nach mehr Selbstdisziplin sabotiert

Versuchungen so weit das Auge reicht. Ob es die leckere Schokolade, schöne Kleidung, ein teures Auto oder die außereheliche Affaire ist, unsere Selbstkontrolle wird permanent auf die Probe gestellt. Heute gilt es als besonders schick und anstrebenswert, den großen und kleinen Versuchungen standzuhalten bzw. sich selbst zu optimieren. Doch gerade der Wunsch nach mehr Disziplin kann zum Stolperstein auf dem Weg zu selbiger werden, wie eine neue Studie zeigt.

Zahlreiche Untersuchungen der letzten Jahrzehnte kamen zu demselben Ergebnis: Selbstdisziplin ist ein wesentlicher Faktor für unseren Erfolg. Sie beeinflusst unsere Wünsche und Ziele gleichermaßen und lässt uns manchmal geradezu "übermenschlich" erscheinen. Kein Wunder also, dass Eltern, Lehrer/innen, Bücher oder Religionen uns zu mehr Selbstdisziplin antreiben wollen. Und genau hierin sehen amerikanische Wissenschaftler/innen das Problem. Der übernommene Wunsch nach mehr Selbstdisziplin kann unglücklicherweise das tatsächliche Erlangen von Selbstkontrolle erschweren. Und das unabhängig von der tatsächlichen Ausprägung der Selbstdisziplin. Oder anders gesagt: Je mehr wir uns Selbstdisziplin wünschen, umso weiter entfernen wir uns von ihr.

 

Über 600 Probanden/innen nahmen an zahlreichen Experimenten teil, die den Einfluss der Selbstkontrolle auf die Leistung untersuchten. Darüber hinaus erfasste man den Wunsch nach selbstdiszipliniertem Verhalten oder aber er wurde manipuliert, um Zusammenhänge eindeutig zu extrahieren.

 

Die Forscher/innen kamen zu einem eindeutigen Ergebnis. Unabhängig davon, ob der Wunsch nach mehr Selbstdisziplin gemessen oder manipuliert wurde, hatten jene Teilnehmer/innen größere Schwierigkeiten sich selbstkontrollierter zu verhalten, die einen stärkeren Wunsch nach mehr Selbstdisziplin hatten. Warum?

 

Bei schwierigen Aufgaben, die naturgemäß mehr Selbstdisziplin verlangen, interpretieren wir in den Wunsch nach mehr Selbstkontrolle, den Glauben an unsere niedrige Selbstwirksamkeit hinein. Das heißt, das Gefühl der mangelnden Selbstkontrolle lässt uns denken, wir wären grundsätzlich nicht fähig genug, um auch schwierige Aufgaben zu bewältigen. Der Wunsch nach mehr Disziplin suggeriert also indirekt, dass wir zu wenig davon hätten. Dieser gedankliche Fehlschluss kann letztlich negativen Einfluss auf unsere Leistung haben.*

 

Selbstdisziplin ist - wie eingangs erwähnt - zweifelsohne eine wichtige Eigenschaft, die ein erfolgreiches Leben mitbedingt. Allerdings darf es nicht beim Wunsch nach Selbstdisziplin bleiben. Glauben Sie an sich, setzen Sie den ersten Schritt und überzeugen Sie sich durch Ihr Handeln von Ihrer Stärke. Jeder Fortschritt ist bedeutsam und jeder Erfolg ein Sieg. Und wenn Sie erst einmal feststellen, dass die Realität besser sein kann als der Wunsch nach Verbesserung, werden Sie viele Gelegenheiten bekommen, Ihre Selbstkontrolle zu trainieren.

 

In diesem Sinne, herzlichst

 

Tamara Nauschnegg

 

 

*Uziel, L., Baumeister, R.F.: The Self-Control Irony: Desire for Self-Control Limits Exertion of Self-Control in Demanding Settings. IN: Personality and Social Psychology Bulletin, 43(5), 2017.

 


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Die wichtigste Zutat für ein glückliches Leben

Wir definieren ein glückliches Leben nach höchst persönlichen Kriterien. Und doch scheint es eine Zutat zu geben, die universell für ein langes, gesundes, glückliches Leben entscheidend ist, wie eine knapp 80 Jahre andauernde Studie der Harvard University eindrucksvoll zeigt. Mehr noch als Geld, Ruhm, Erfolg oder Gene beeinflusst ein Faktor unser Leben.

 

Und dieser Faktor nennt sich "Beziehungen". Genau genommen ist es die Qualität der Beziehungen, die unseren körperlichen, geistigen und seelischen Zustand am deutlichsten beeinflusst, wie die Forscher/innen wissen.

 

Seit 1938 begleiten Wissenschaftler/innen hunderte Menschen auf ihrem Lebensweg. Die ursprüngliche Untersuchungsgruppe bestand aus jungen männlichen Studenten der Harvard University (darunter auch John F. Kennedy), da zum damaligen Zeitpunkt nur Männer an der Universität studierten. Über die Jahre hinweg erweiterte man die Stichprobe mit Frauen und so wurde die Untersuchung zu einer der aussagekräftigsten Studien weltweit. Vier Leiter betreuten bis heute das Projekt, die - je nach Dekade - die neuesten medizinischen und psychologischen Testverfahren zur Anwendung brachten. Es wurden tausende Interviews geführt, Lebensereignisse analysiert, Tests und Gehirnscans durchgeführt sowie regelmäßig Blutbilder der Teilnehmer/innen erstellt. Und all das, um herauszufinden, was uns ein langes, glückliches Leben beschert.

 

Der gegenwärtige Leiter der Studie, Robert Waldinger, zieht mit dem Wissen von knapp 80 Jahren Forschung folgendes Fazit: "Auf seinen Körper zu achten ist wichtig, aber auch die Beziehungen, die wir führen, sind ein Teil dieser Selbstfürsorge". Wenn wir anderen vertrauen, unser Innerstes mit ihnen teilen und uns in den Beziehungen entspannen können, sind wir für die Widrigkeiten des Lebens gewappnet. Und wenn wir uns mit einem Gefühl der Sicherheit Herausforderungen stellen, ist ein wesentlicher Schritt zu deren Bewältigung bereits getan. Daraus leite ich persönlich einmal mehr ab, wie wichtig es ist, bewusst auszuwählen, mit wem wir unser Leben teilen. In meinem Buch KRÄNKUNGEN - Was sie wert sind und wie wir sie überwinden schreibe ich: "Geht man davon aus, dass die meisten menschlichen Beziehungen zufällig zustande kommen, muss man auch anerkennen, wenn der Zufall sich geirrt hat." (Anm.: Dass Beziehungen - entgegen der romantischen Vorstellung - größtenteils zufällig entstehen, ist mittlerweile erwiesen). Wenn uns Beziehungen also nicht (mehr) gut tun, ist es nur fair, sie zu beenden und neue Beziehungsknoten entstehen zu lassen.

 

Zurückzukommen auf die Harvard-Studie: Was weiß man noch? Gute Verbindungen schützen Menschen vor chronischer Unzufriedenheit, verzögern den geistigen und körperlichen Abbau und sind bessere Prädiktoren für ein langes, glückliches Leben als die soziale Klasse, der Intelligenzquotient oder Gene. "Einsamkeit tötet. Sie ist ähnlich schädlich wie Rauchen oder Alkoholismus", bringt es Waldinger auf den Punkt. Insbesondere die Zufriedenheit in Beziehungen mit rund 50 Jahren scheint eine gute Vorhersagekraft für die Lebensqualität ab 80 Jahren zu haben. Es zeigte sich, dass jene Personen, die mit 50 Jahren am meisten Zufriedenheit in ihren Beziehungen verspürten, mit 80 Jahren am gesündesten waren. Glückliche Liebesbeziehungen, starke Familienbande und gesellschaftliche Verbindungen scheinen also nicht nur unsere Lebensqualität, sondern auch -dauer zu beeinflussen. Eheliche Zufriedenheit gilt nebenbei bemerkt als besondere Schutzfunktion für die geistige Gesundheit. Außerdem wirkt sich bei älteren zufriedenen Eheleuten körperlicher Schmerz weniger stark auf die Befindlichkeit aus, als es bei unglücklichen Ehepartner/innen der Fall ist.

 

Die Beziehungen müssen übrigens nicht immer harmonisch sein. Streit ist durchaus Teil einer guten Beziehung. So lange sich Menschen auf den/die andere/n verlassen können, wenn die Zeiten schwieriger werden, profitieren die Partner/innen von ihren Beziehungen, weiß die Forschung. Und eine gute Nachricht liefert die Studie noch zum Schluss: Die Lebensqualität der Zukunft ist nicht in Stein gemeißelt. Die Probanden/innen entwickelten sich - entgegen so mancher Erwartung - in zum Teil völlig konträre Richtungen.* Selbst kleine Veränderungen in der Gegenwart können ungeahnte Auswirkungen haben. Das bedeutet: Wenn Ihre Beziehungen heute größtenteils belastet oder unglücklich sind, dürfen Sie diese - als Teil einer gesunden Selbstfürsorge - kritisch hinterfragen. Wählen Sie weise, mit wem Sie durchs Leben gehen wollen. Und dann investieren Sie sich. Manchmal erlauben wir uns erst viel zu spät glücklich zu sein und vergessen, dass bereits heute der erste Schritt in Richtung erfülltes Leben gesetzt werden kann.

 

In diesem Sinne, herzlichst

 

Tamara Nauschnegg

 

 

 

*Mineo Liz: Good genes are nice, but joy is better. http://news.harvard.edu/gazette/story/2017/04/over-nearly-80-years-harvard-study-has-been-showing-how-to-live-a-healthy-and-happy-life/, Online: 20.05.2017.

 

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                                                                Wenn der Placeboeffekt bei Liebeskummer hilft

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Wenn der Placeboeffekt bei Liebeskummer hilft

Liebeskummer ist schmerzhaft. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Der emotionale Schmerz aktiviert im Gehirn ähnliche Areale, wie es bei körperlichen Schmerzen der Fall ist. Zeit heilt nicht alle Trennungswunden, man kann sie aber tatkräftig unterstützen. Eine mögliche Methode hat nun ein Team aus Wissenschaftlern/innen gefunden: Der Placeboeffekt kann beim Heilen von Trennungsschmerzen helfen. 

Das Zerbrechen einer Liebesbeziehung nimmt uns emotional stark mit, kann sogar krankmachen. Man schätzt ein etwa 20-fach erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer klinischen Depression im Jahr nach der Trennung. Um diesem Umstand entgegenzuwirken untersuchten amerikanische Forscher/innen nun erstmals die Kraft des Placeboeffekts auf den Liebeskummer.

 

Beim Placeboeffekt handelt es sich grundsätzlich um eine empfundene Verbesserung der körperlichen oder psychischen Symptomatik, obwohl lediglich eine Scheinintervention durchgeführt wurde. Das heißt: Die Erwartungshaltung - nach Einnahme eines wirkungslosen Placebopräparats - kann Symptome nachweisbar verbessern. Genau genommen ist es der Glaube, dass man etwas für sich tut, der die Wahrnehmung des Schmerzes lindert.

 

Um dem Trennungsschmerz nun auf die Spur zu kommen wurden die Gehirne von Probanden/innen gescannt, die das unerwünschte Ende ihrer Beziehung zu verkraften hatten. Sie mussten dabei während des Scannens ein Foto von ihrem/r Expartner/in und das Bild eines/r gleichgeschlechtlichen Freundes/in ansehen. Zusätzlich wurden sie gebeten, sich beim Betrachten des/der abgebildeten Expartners/in, die Trennung detailgetreu in Erinnerung zu rufen. Um die Gehirnreaktion auf körperliche Schmerzen messen zu können, wurden den Studienteilnehmer/innen in einem weiteren Schritt sogar körperliche Schmerzen zugefügt (Hitzereize am linken Unterarm). Ja, all das freiwillig und im Dienste der Wissenschaft ;-)

 

Während die Bilder bzw. die  Schmerzreize sich abwechselten, mussten die Teilnehmer/innen jeweils auf einer fünfstufigen Skala beschreiben, wie sie sich fühlten. Zeitgleich wurde mittels des Magnetresonanztomographen die Gehirnaktivität gemessen. Die Forscher/innen stellten fest, dass die Gehirnregionen, die auf emotionalen und körperlichen Stress ansprachen, zwar nicht identisch, aber doch erstaunlich ähnlich waren. Beide Arten von Schmerzen sind also messbar und daher jedenfalls real.

 

Um die Wirkung des Placeboeffekts zu untersuchen, mussten alle Probanden/innen einen Spray in die Nase sprühen. Der einen Hälfte wurde erklärt, dass es sich um ein hochwirksames Schmerzmittel gegen Kummer und emotionale Schmerzen handelte. Die andere Hälfte bekam die Information, dass der Nasenspray eine Kochsalzlösung sei. Anschließend mussten die Teilnehmer/innen wieder in den Scanner, wo erneut der emotionale Trennungsschmerz über das Betrachten des Fotos des/r Expartners/in hervorgerufen wurde.

 

Tatsächlich empfand die Placebogruppe - also jene Personen, die meinten, ein emotionales Schmerzmittel eingenommen zu haben - weniger emotionale, aber auch weniger körperliche Schmerzen. Die Forscher/innen beobachteten, dass bei positiven Erwartungen die Aktivität im sogenannten präfrontalen Cortex beeinflusst wird, die wiederum Systeme im Mittelhirn aktiviert, was schließlich zur Ausschüttung schmerzlindernder Botenstoffen führt. Es ist offenbar schon das Wissen ausreichend, etwas für uns selbst und die Überwindung der Trennung zu tun, das uns wieder Hoffnung gibt, meinen die Psychologen/innen.* Anders ausgedrückt: Wenn wir glauben, etwas kann uns helfen wieder auf die Beine zu kommen, kann uns die Erwartungshaltung tatsächlich wieder auf die Beine bringen. Nützen Sie daher die Kraft Ihrer Gedanken und vergessen Sie allem voran niemals, an sich zu glauben.

 

Herzlichst, Tamara Nauschnegg

 

 

*Koban, L., Kross, E., Woo Choong-Wan, Ruzic L. Wager, T.: Frontal-Brainstem Pathways Mediating Placebo Effects on Social Rejection. IN Journal of Neuroscience, 37(13), 2017, 3621-3631.

 

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Wie uns Kälte bei Entscheidungen nützt

Unser Leben besteht aus zahlreichen Entscheidungen. Im Grunde genommen müssen wir in jedem Moment aus Alternativen wählen. Will ich arbeiten oder faulenzen? Schokolade essen oder lieber Sport treiben? Geld sparen oder ausgeben? Wo will ich wohnen? Mit wem will ich meine Zeit verbringen? Und wie soll mein/e Traumpartner/in aussehen? Das Leben gibt uns glücklicherweise meistens eine zweite, dritte oder vierte Chance. Die Qualität der Entscheidungen lässt sich aber beeinflussen, sodass im besten Fall bereits die erste Wahl zum gewünschten Ziel führt. Israelische Forscher/innen haben nun beispielsweise herausgefunden, dass Kälte unsere Entscheidungen verbessert.

 

Beim Kern der Untersuchung handelt es sich um die sogenannte kognitive Kontrolle. Sie ist die Fähigkeit, Reize richtig zu deuten und Entscheidungen zu treffen, die sich auf lange Sicht positiv auswirken. Kalte Temperaturen sollen nun helfen, die kognitive Kontrolle zu verbessern. Glücklicherweise müssen wir uns nicht zwangsweise der Kälte aussetzen, um unser Verhalten besser zu kontrollieren. Es genügt offenbar Fotos zu betrachten, die Erscheinungsformen von Kälte darstellen.

 

In der Untersuchung ließen die Forscher/innen ihre Probanden/innen einen Augentest absolvieren. Diese hatten dem Drang zu widerstehen, mit den Augen ein sich bewegendes Objekt zu verfolgen. Sie mussten stattdessen bewusst in eine andere Richtung schauen. Vor dem zweiten Durchgang wurden den Teilnehmer/innen entweder Bilder einer Winterlandschaft, einer Sommerlandschaft oder einer Straße gezeigt. Außerdem hatten sie sich vorzustellen, sie würden sich mitten in der konkreten Umgebung befinden.

 

Tatsächlich taten sich jene Probanden/innen, die sich gedanklich in einer kalten Umgebung befanden, im zweiten Test leichter, ihre Augen vom Objekt abzuwenden. Oder anders gesagt: Sie übten deutlich mehr Kontrolle auf ihr Verhalten aus. Die Forscher/innen wussten bereits aus vorangegangenen Studien, dass Metaphern wie "einen kühlen Kopf bewahren" oder "erhitzte Gemüter" wissenschaftliche Gültigkeit besitzen. Denn während Wärme zu Entspannung und Wohlbefinden führt, versetzt uns eine kalte Umgebung  in Alarmbereitschaft und schärft auf diese Weise unsere kognitiven Fähigkeiten, so die Wissenschaftler/innen.*

 

Fazit: Ein wesentlicher Baustein für gute Entscheidungen ist unsere kognitive Kontrolle. Nur wer in der Lage ist, Kosten und Nutzen abzuwägen und nicht jeder Annehmlichkeit unmittelbar verfällt, trifft langfristig gewinnbringende Entscheidungen. Grundsätzlich lässt sich die kognitive Kontrolle mit unterschiedlichen Strategien verbessern, eine davon scheint die (vorgestellte) Kälte zu sein. In jedem Fall gilt aber: Einen kühlen Kopf zu bewahren schadet selten. Denn selbst wenn manche Entscheidungen starke Emotionen verlangen, veredelt ein kühler Kopf unsere Wahl.

 

 

* Halali, E., Meiran, N., Shalev, I.: Keep it cool: temperature priming effect on cognitive control. IN: Psychological Research, 81(2), 2017, 343-354.

 

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Engstirnige "Experten/innen"

Selbsternannte Experten/innen überschätzen gerne die eigene Leistung und verurteilen andere für ihre Fehler. Was viele im Alltag bereits vermuten, weist die Wissenschaft immer wieder mit bemerkenswerter Stabilität nach. Dass das Gefühl, Experte/in zu sein, nicht nur zum Verurteilen anderer verleitetet, sondern auch die eigenen kognitiven Leistungen beeinträchtigt, zeigen australische Forscher/innen.

 

Der Psychologe Victor Ottati führte mehrere Experimente durch, in denen er seine Probanden/innen zu scheinbaren Experten/innen werden ließ. Das gute Abschneiden in einem leichten Quiz verleitete manche dazu, sich überlegen zu fühlen. Und genau diese Personen verhielten sich bei darauffolgenden schwierigeren Aufgaben engstirnig und eindimensional. Ihre fehlende Offenheit für neue Ideen führte zu einem geringeren Lösungsspektrum. Oder anders gesagt: Der empfundene Expertenstatus blockiert bei komplexen Aufgaben die gedanklichen Prozesse.*

 

Wer sich den gefundenen Zusammenhang zwischen wahrgenommenem Expertentum und engstirnigem Vorgehen bei kognitiven Aufgaben bewusst macht, öffnet bestenfalls eine gedankliche Blockade. Ein "Ich weiß, dass ich nichts weiß" kann uns mehr erreichen lassen als es eine gefühlte Überlegenheit jemals könnte. Denn Offenheit, Neugierde und die Bereitschaft, zu lernen, führen zwangsläufig zu Erfolg. Oder lassen uns zumindest authentisch und nahbar erscheinen. Beides Aspekte, die Ihren Erfolg begünstigen werden.

 

 

*Ottati, V., Price, E.D., Wilson, C., Sumaktyo, N.: When self-perceptions of expertise increase closed-minded cognition: The earned dogmatism effect. IN: Journal of Experimental Social Psychology, 61, 2015, 131-138.

 

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Die gute oder die schlechte Nachricht zuerst?

Schlechte Nachrichten zu überbringen bereitet wohl den meisten Menschen Schwierigkeiten. Umgekehrt sind wir sehr empfindlich, wenn wir selbst negative Rückmeldungen bekommen. Die scheinbare Wahlmöglichkeit "Zuerst die gute oder die schlechte Nachricht?" soll den schwierigen Umstand erleichtern. Doch wirkt diese Verschleierungstaktik tatsächlich? 

Forscherinnen der University of California stellten fest, dass Sender/innen und Empfänger/innen von Nachrichten eine unterschiedliche Reihenfolge bevorzugen. Empfänger/innen entschieden sich mit großer Mehrheit für die zunächst schlechte Nachricht. Vermag doch die darauffolgende positive Information die schlechte Nachricht zu relativieren, so die Forscherinnen. Bei den Sender/innen zeigte sich eine umgekehrte Präferenz. Sie zogen es vor, zunächst die gute Nachricht zu übermitteln. Die Wissenschaftlerinnen gehen davon aus, dass ihnen das Überbringen der Nachricht unangenehm ist und sie es daher hinauszögern wollen.

 

Um herauszufinden, ob die Sender/innen ihre Übermittlungsstrategie an die Vorlieben der Empfänger/innen anpassen würden, führten die Psychologinnen eine weitere Studie durch. Die Probanden/innen mussten dafür einer unbekannten Person die Rückmeldung zu einem durchgeführten Persönlichkeitstest geben. Das Testergebnis schrieb der Person sowohl wünschenswerte als auch negative Persönlichkeitsmerkmale zu. Die Hälfte der Probanden/innen musste sich in die unbekannte Person hineinversetzen und hatte zu berücksichtigen, dass die negativen Nachrichten durchaus verletzen könnten. Die zweite Hälfte erhielt keine Instruktion. Tatsächlich änderten die Überbringer/innen der Nachricht die Reihenfolge so ab, dass sie vermehrt zunächst die schlechte Nachricht mitteilten, wenn sie an die mögliche Verletzung erinnert wurden. Doch wie sinnvoll ist die Extraportion Empathie für den/die Empfänger/in?

 

Die Reihenfolge der guten und schlechten Nachrichten erzeugt in den Empfänger/innen unterschiedliche Reaktionen. Endete die Rückmeldung mit positiven Informationen über ihre Persönlichkeit, waren sie grundsätzlich weniger dazu bereit, an ihren negativen Verhaltensweisen zu arbeiten. Erhielten sie hingegen zuletzt die negative Rückmeldung, zeigten sie anschließend eher die Bereitschaft, ihr Verhalten zu ändern und damit die Gesamtsituation zu verbessern. Oder anders gesagt, die negative Rückmeldung am Ende schien die Teilnehmer/innen - trotz anfänglicher Bedrückung - dazu zu motivieren, an ihren Unzulänglichkeiten zu arbeiten.*

 

Wenn Sie zukünftig in ähnliche Situationen kommen, lohnt es sich also zu überdenken, ob sie Ihr Gegenüber schonen oder vielleicht sogar motivieren wollen. Das klingt im ersten Moment vielleicht manipulativ, ist aber nicht so gemeint. Denn lässt uns nicht manchmal erst eine negative Rückmeldung besser werden? Wohingegen die geschminkte Nachricht weiterhin das Unvermögen überdeckt? Bekommen Sie dagegen die Gelegenheit, die Reihenfolge der guten und schlechten Nachricht zu bestimmen, nutzen Sie diese. Wollen Sie geschont werden? Oder sind Sie mutig genug, Veränderungen anzupacken?

 

 

* Legg, A. M., Sweeny, K.: Do you want the good news or the bad news first? The nature and consequences of news order preferences. IN: Personality and Social Psychology Bulletin, 40, 2014, 279-288.

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Müdigkeit hinterfragt keine schlechten Ratschläge

Schlaf zu verschieben ist in unserer Gesellschaft zur Normalität geworden. Politiker/innen, Ärzte/innen, leitende Angestellte, Schicht-arbeiter/innen, aber auch Jungmütter und -väter haben sich daran gewöhnt, auf Schlaf zu verzichten. Doch zu welchem Preis? Schlafentzug wirkt sich nicht nur ungünstig auf Urteile, Ent-scheidungen und die geistige Leistungsfähigkeit aus, sondern macht auch anfällig für schlechte Ratschläge, wie eine neue Studie zeigt.

 

Ein deutsches Forscherteam konnte eindrucksvoll darlegen, dass unausgeschlafene Menschen nicht nur häufiger Ratschläge annehmen als ausgeruhte Personen, sondern auch anfälliger für schlechte Ratschläge sind. Verglichen wurden Daten von Probanden/innen nach einem 24-stündigen Schlafentzug mit jenen von ausgeruhten Untersuchungs-teilnehmer/innen. Es zeigte sich, dass die Unausgeschlafenen weniger auf die Kompetenz der Ratgebenden achteten, was sich schließlich negativ auf ihre Urteile auswirkte.* Oder anders gesagt: Das Vertrauen in die eigene Urteilskraft sinkt, wenn wir übermüdet sind. Daher holen wir uns zur Kompensation Hilfe. Diese kann jedoch negative Konsequenzen haben, da wir im unausgeschlafenen Zustand offenbar weniger auf den Kompetenzgrad des Ratgebenden achten.

 

Und die Lösung? Grundsätzlich werden unsere Entscheidungen von vielen Faktoren beeinflusst, die wir selbst bei Kenntnis nur geringfügig beeinflussen können. Gewisse Berufsgruppen und Babys werden weiterhin unseren Schlafrhythmus durcheinander-bringen. Und doch ist es wichtig, über die Einflüsse Bescheid zu wissen und ein Bewusstsein dafür zu entwickeln. Treffen Sie beispielsweise wichtige Entscheidungen nicht übermüdet, auch wenn so manche Deadline näher rückt. Sie laufen auf diese Weise nicht Gefahr, die Meinungen von zu vielen Menschen einholen zu müssen und verhindern womöglich, schlechten Ratschlägen zu folgen. Und ein letzter Tipp noch: Scheuen Sie sich niemals, Ihren Schlaf zu verteidigen. Wie schon Immanuel Kant wusste, ist der Schlaf - neben der Hoffnung und dem Lachen - eines der drei Dinge, die helfen, "die Mühseligkeiten des Lebens zu tragen".

 

Herzlichst, Tamara Nauschnegg

 

 

* Häusser, J.A. et al.: Sleep Deprivation and Advice Taking. IN: Sci. Rep. 6, 24386.

 

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Erfolg den Neugierigen

Was macht uns erfolgreich? Intelligenz, Persönlichkeit, Kontakte, Glück oder Zufall? Vermutlich eine Mischung aus allen Komponenten. Wissenschaftlich gesehen lassen sich Einflüsse jedes einzelnen Faktors - mehr oder weniger - nachweisen. Die Forschung setzt grund-sätzlich die Suche nach Persönlichkeitseigenschaften ins Zentrum, da Erfolg mehr sein muss, als nur "zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein". Welche Persönlichkeitsmerkmale tragen also vorrangig zum Erfolg bei?

Die Psychologie weiß seit langem, dass Intelligenz und das Merkmal Gewissenhaftigkeit entscheidend für den beruflichen Durchbruch sind. Intelligenz alleine muss nicht zwangsweise zu gesellschaftlichem Erfolg führen. Zusätzliche Gewissenhaftigkeit ist vorteilhaft, wobei vor allem das organisierte, genaue und zielstrebige Arbeiten erfolgsentscheidend sein kann.

 

Ein Team um Sophie von Stumm von der University of Edinburgh fand nun heraus, dass die intellektuelle Neugierde ein weiteres wesentliches Merkmal für Erfolg ist. Für diese Behauptung wurden 200 Studien mit 50000 Studenten/innen analysiert. Neugierige Menschen seien grundsätzlich offen für neue Erfahrungen und hinterfragen kritisch bestehende Normen und Strukturen. Obwohl oder gerade weil kritisches Hinterfragen unangenehm sein kann, zählen intellektuell Neugierige oft zu den Leistungsträgern unserer Gesellschaft. Neugierige Menschen wollen Gegebenheiten verstehen, um sie zu vereinfachen, zu verbessern oder gegebenenfalls zu korrigieren. Sie sind daran interessiert Prozesse weiterzuentwickeln und scheuen sich nicht davor, Herausforderungen zu bewältigen.

 

In der durchgeführten Metaanalyse erwies sich die Neugierde - gemeinsam mit der Gewissenhaftigkeit - als vergleichbar bedeutsam für den Studienerfolg, wie der Faktor Intelligenz. Lehrer/innen und Professoren/innen sind demnach gefordert, die Neugierde Ihrer Schüler/innen und Student/innen zu wecken und zu fördern. Denn Wissbegierde zahlt sich nicht nur während der Ausbildung aus. Die gefundenen Zusammenhänge sind auch für das spätere Berufsleben relevant, so von Stumm. Die Psychologin rät Arbeitgebern/innen sogar, bei der Personalauswahl die Neugierigen herauszufiltern, hätten diese doch das größte Entwicklungspotential.*

 

 

* von Stumm, S., Hell, B., Chamorro-Premuzic, T.: The hungry mind: Intellectual curiosity is the third pillar of academic performance. IN: Perspectives on Psychological Science, 6/6, 2011,, 574-588.

 


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Knapp zu scheitern kann motivieren

Niemand scheitert gerne. Soviel steht fest. Doch dass sich knappes Scheitern durchaus positiv auf unser Verhalten auswirken kann, zeigten jüngst zwei Psychologinnen. Sie stellten fest, dass ein knapper Misserfolg die Motivation nicht verlieren lässt, sondern die Anstrengungsbereitschaft - sogar bei gänzlich anderen Aufgaben - erhöht. In anderen Worten bedeutet das, wer den Erfolg schon fühlen konnte, ist besonders motiviert, einen neuen Versuch zu wagen. Und das selbst bei Aufgaben, die mit der eigentlichen Herausforderung nichts zu tun hatten. Diese gesteigerte Motivation findet sich übrigens nicht, wenn der Erfolg aussichtslos erschien oder das Ziel tatsächlich erreicht wurde, so die Forscherinnen.

In ihrer Studie hatten die Probanden/innen ein Handyspiel zu spielen, welches so programmiert wurde, dass es nicht zu gewinnen war. Je nach Version des Spiels waren die Spieler/innen unterschiedlich erfolgreich. Jene Teilnehmer/innen die den Sieg nur knapp verpasst hatten, zeigten sich bei weiteren Aufgaben sogar motivierter und ehrgeiziger als jene, die zuvor gewonnen hatten. Und selbst komplexere Aufgaben wurden mit der gesteigerten Motivation in Angriff genommen.*

 

Selbstverständlich streben wir Erfolge und nicht knappe Misserfolge an, doch lassen Sie sich von der Idee inspirieren, dass ein Misserfolg nicht zwangsweise eine Niederlage sein muss. Wir sind nach Rückschlägen offenbar in der Lage, einen gesteigerten Ehrgeiz aufzubringen, der uns doch noch Erfolge bescheren kann. Und wie sagt man? Sich selbst zu besiegen ist doch der schönste Sieg.

  

 

* Wadhwa, M., Kim, J. C.: Can a near win kindle motivation? The impact of nearly winning on motivation for unrelated rewards. IN: Psychological Science, 26, 2015, 701–708.

 


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Wenn Einsteins Rückschläge motivieren

Es gibt sie. Die ungeliebten Schulfächer. Mathematik, Physik oder Chemie begeistern nicht jede/n Schüler/in. Und doch müssen die Fächer bewältigt werden. Die gute Nachricht vorweg: Es gibt zahlreiche Strategien, wie Kinder auch für die unliebsamen Themen begeistert werden können. Eine kreative Motivationsstrategie hat die Wissenschaft unlängst identifiziert: Das Scheitern berühmter Wissenschaft-ler/innen kann sich positiv auf die schulische Leistung in wissenschaftlichen Fächern auswirken. 

Der amerikanische Bildungswissenschaftler Xiaodong Lin-Siegler von der Columbia-Universität in New York führte hierzu eine umfangreiche Studie mit 402 Neunt- und Zehntklässlern/innen durch. Sämtliche Teilnehmer/innen wurden drei Gruppen zugeteilt. Entweder hatten sie Geschichten über die Schwierigkeiten berühmter Persönlichkeiten bei intellektuellen Herausforderungen zu lesen (z.B. dass Albert Einsteins Theorien und Argumente permanent angefeindet wurden und er diese immer wieder überarbeiten musste) oder die Schüler/innen bekamen Texte zu den persönlichen Herausforderungen vorgelegt (z.B. wuchs Marie Curie in einer Zeit auf, in der es für Mädchen nicht üblich war, zur Schule zu gehen). Eine Kontrollgruppe musste sich schließlich mit Texten auseinandersetzen, die nur herausragende Leistungen der berühmten Persönlichkeiten dokumentierten. Die Geschichten der ersten beiden Gruppen berichteten also von den Schwierigkeiten, Rückschlägen und Niederlagen der Wissenschaftler/in, die schließlich doch zum Erfolg führten, wohingegen die Kontrollgruppe lediglich über die außergewöhnlichen Errungenschaften informiert wurde.

 

Um Leistungs- und Einstellungsveränderungen erheben zu können, mussten die Schüler/innen zu Beginn der Studie eine umfangreiche Testung absolvieren, die nach sechs Wochen wiederholt wurde. Es stellte sich heraus, dass sich die Leistung jener Kinder in wissenschaftlichen Fächern verbesserte, die mithilfe der Geschichten gelernt hatten, dass Scheitern Teil des Erfolges ist. Genies werden nicht immer als solche geboren. Und selbst wenn doch, haben auch sie mit den Widrigkeiten des Leben zu kämpfen.

 

Die größte Leistungssteigerung konnten übrigens jene Kinder erzielen, die zuvor die schlechtesten Noten hatten.* Die Annahme, man müsse ein besonderes Talent für naturwissenschaftliche Fächer haben, stand ihrer Motivation im Wege. Oder anders gesagt, der Glaube, nicht gut genug für die Wissenschaft zu sein, nahm die Motivation besser zu werden.

 

 

* Lin-Siegler, X., Ahn, J.N., Chen, J., Fang, F.-F.A., Luna-Lucero, M.: Even Einstein Struggled: Effects of Learning About Great Scientists’ Struggles on High School Students’ Motivation to Learn Science. IN: Journal of Educational Psychology, 108, 3, 2016, 314-328.

 


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Urlaubsfotos machen glücklich

Sie reisen gerne? Wunderbar. Und Sie fotografieren gerne? Umso besser. Was die leidenschaftlichen Fotografen/innen unter Ihnen bestimmt schon geahnt haben, ist nun wissenschaftlich belegt: Urlaubsfotos machen uns glücklich. Zu diesem Ergebnis kamen unlängst amerikanische Forscher/innen.

Sie haben in neun umfangreichen Studien untersucht, ob Fotos unsere kostbaren Momente zerstören oder konservieren. Und wurden vom Ausmaß der empfundenen Freude regelrecht überrascht.

 

Im Rahmen der Studien wurden mit über 2000 Untersuchungsteilnehmer/innen Stadtrundfahrten unternommen, Museen besucht oder Urlaubsszenarien unter Laborbedingungen nachgestellt. Die eine Hälfte der Probanden/innen durfte dabei Fotos aufnehmen, die andere nicht. Anschließend mussten alle Teilnehmer/innen einen Fragebogen ausfüllen, der das Glücksempfinden und die Intensität der Vertiefung in die jeweilige Aktivität erheben sollte.

 

Alle Studien kamen zu demselben Ergebnis: schöne Momente wurden durch die aufgenommenen Fotos noch schöner, die Fotografen/innen hatten mehr Spaß an der Aktivität und waren tiefer darin versunken. Die aktive Hinwendung, das bewusste Wahrnehmen der Motive und die künstlerische Inszenierung erlauben also ein tiefes Eintauchen in den Moment.

 

Um zu überprüfen, ob tatsächlich der Moment intensiver wahrgenommen wird oder ob es nur das Gefühl ist, kam eine Spezialbrille zum Einsatz. Damit zeichneten die Wissenschaftler/innen in Museen auf, welche Exponate betrachtet wurden und wie lange. Den Fotografen/innen gefiel nicht nur der Besuch besser, sondern sie musterten auch die einzelnen Objekte länger, als ihre Kollegen/innen ohne Kamera. Übrigens, es reicht offenbar schon aus, ein gedankliches Bild der Schönheiten zu "knipsen". Das bewusste Innehalten und die Vorstellung, ein Bild für die Ewigkeit - auch wenn es nur gedanklich ist - festzuhalten, erzeugt ähnliche Glücksgefühle, wie das tatsächliche Fotografieren.

 

Aber Achtung: Zu fotografieren wirkt nicht stets entspannend. Sind wir mit einer Tätigkeit intensiv beschäftigt, ist Fotografieren eher eine Zusatzbelastung. Werden wir außerdem Zeugen unangenehmer Szenarien, würde ein Fotografieren die Stimmung weiter ins Negative kehren. Übrigens, auch ein unmittelbares Verarbeiten oder Löschen der Fotos nach der Aufnahme reduziert empfundene Glücksgefühle.* Nehmen Sie sich daher besser nach dem Urlaub Zeit, um Ihre Fotos zu sichten. Sie kommen auf diese Weise in den Genuss, Ihre Eindrücke der vergangenen Reise wieder zum Leben zu erwecken. Und damit ihren Urlaub zu "verlängern".

 

 

* Diehl, K., Zauberman, G., Barasch, A.: How Taking Photos Increases Enjoyment of Experiences. IN: Journal of Personality and Social Psychology, 111, 2, 2016, 119-140.

 


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