"Nein" ist ein vollständiger Satz - 11 Gründe warum Ihr "Nein" lebensnotwendig ist

Menschen hören gern ein "Ja". Und zwar so gern, dass sie es geradezu voraussetzen und beinahe schockiert sind, wenn ihrem Wunsch irgendwann nicht entsprochen wird. Ein "Nein" wird dann meist schnell als destruktiv, egoistisch oder gar als Angriff verstanden. Doch grundsätzlich ist nichts davon per se richtig. Denn ein "Nein" ist zunächst nur der Gegenpol zum "Ja" und als solcher sowohl legitim als auch notwendig.

Gerade Frauen neigen dazu sich dem Wort "Ja" zu verschreiben. Das meist anerzogene Bedürfnis zu gefallen übersteigt dabei die Pflicht, gut für sich zu sorgen. Doch gerade das ist eine wichtige Voraussetzung für unsere psychische und physische Gesundheit, unsere Pläne und Hilfsangebote. Wie notwendig unser "Nein" ist, erkennen wir am besten daran, wenn wir darauf verzichten müssten. Wie würde sich Ihr Leben verändern, wenn Sie allen gestellten Ansprüchen nur noch mit einem "Ja" begegnen dürften? Ich verrate es Ihnen: Jede nicht abgelehnte Bitte, jedes Delegieren und jeder tolerierte Befehl würde dann Ihre persönliche Qual füttern. Ihr schlechtes Gewissen würde Sie zu einem/r Getriebenen machen und das ohne jemals Zufriedenheit erfahren zu können. Jedes "Ja" wäre nicht nur ein "Nein" zu sich selbst, sondern würde auch zu dem Dilemma führen, dass sich die Anfragen, Wünsche und Bitten bald schon widersprächen.

Finden wir also heraus, warum Sie mit Ihrem "Nein" umgehen lernen müssen. Ich habe im Folgenden 11 Gründe zusammengestellt, die für ein "Nein" sprechen. Beruhigen Sie Ihr schlechtes Gewissen mit jenen Punkten, die Sie spontan ansprechen oder entwickeln Sie die Ideen weiter. Ziel dahinter ist es, ein Stück weit Gelassenheit im Umgang mit herangetragenen Bitten zu erlangen. Und ein "Nein" eben als Gegenpol zu Ihrem "Ja" zu verstehen.

  1. Sie allein sind verantwortlich für Ihre Bedürfnisse. Auch wenn wir gern die Verantwortung für unser Glück den Mitmenschen aufbürden würden, gilt: Wir sind allein für uns und unser Leben verantwortlich. Jede/r verfolgt eigene Ziele und muss zunächst darauf achten, sich selbst treu zu bleiben. Das ist keine Form von Egoismus, sondern eine gesunde, notwendige Selbstfürsorge. Wenn Sie wissen, was Ihnen gut tut und worauf Sie lieber verzichten wollen, werden Sie mehr Kraft für sich und andere haben.

  2. Wer Ihr "Nein" kennt, wird Ihr "Ja" zu schätzen wissen. Je mehr sich Menschen an Unterstützung gewöhnen, umso selbstverständlicher erscheint die Hilfe. Und mit steigender Selbstverständlichkeit sinkt die Wertschätzung der Leistung. Zudem wird die Enttäuschung über ein "Nein" unverhältnismäßig größer sein, als bei dosiertem Ablehnen. Was denken Sie über Menschen, die niemals mit einem "Nein" reagieren? Und wie verhalten Sie sich diesen Menschen gegenüber?

  3. Sie haben nur begrenzte Ressourcen. Körper und Seele können unfassbar stark sein, wenn es darauf ankommt. Wir haben - selbst wenn wir glauben am Ende zu sein - immer noch Kraftreserven, die uns gegebenenfalls zur Verfügung stehen. Doch mit letzter Kraft zu leben wird Sie irgendwann in die Knie zwingen. Auf die Balance zwischen Anspannung und Entspannung zu achten ist daher Ihre wesentliche Aufgabe. Wer oder was kostet Kraft? Wie viel? Und wollen Sie Ihre Energie verschenken oder wird sie Ihnen gestohlen? Machen Sie sich bewusst, dass nur Sie allein bestimmen, welchen Preis Ihr "Ja" haben darf. Denn im ungünstigsten Fall werden Sie eigene Krisen - auch wenn Sie zuvor andere tatkräftig unterstützt haben - allein bewältigen müssen.

  4. Ein "Ja" erfordert Ihre Reaktion. Haben Sie etwas zu geben? Dann geben Sie. Fällt es Ihnen vielleicht gerade schwer, Ihre Energie anderen zu widmen, dann erlauben Sie sich Ihr "Nein". Jedes "Ja" verlangt eine Reaktion, ein "Nein" hingegen nimmt Ihnen erstmal die auferlegte Bringschuld. Egal ob Sie mit Ihrem "Ja" etwas tun oder unterlassen müssen, etwas voranzutreiben oder zu tolerieren haben, denken Sie an Ihren Energiehaushalt. Ein "Nein" mag zwar die Tür für spätere Kooperationen oder benötigte Hilfe verschließen, eine Garantie auf beides schenkt Ihnen aber auch kein "Ja".

  5. Ein "Nein" schult die Selbstakzeptanz. Wenn wir uns erlauben "Nein" zu sagen, respektieren wir uns und unsere Bedürfnisse. Wir akzeptieren unsere Grenzen und verurteilen uns nicht dafür. Zumindest zum Zeitpunkt der Entscheidung nicht. Natürlich kommt es immer wieder vor, dass wir unser "Nein" bereuen, aber das liegt meist eher daran, dass die Konsequenzen eines "Ach, hätte ich doch JA gesagt" niemals erlebt werden. Grundsätzlich neigt der Mensch dazu, ein "Ja" und das darauffolgende Engagement zu rechtfertigen, da er die Diskrepanz zwischen Gedanken und Handlungen zu verringern versucht. Das bedeutet, wenn wir uns beispielsweise dafür entscheiden, jemandem zu helfen - auch wenn wir das eigentlich nicht möchten - werden wir unser Verhalten rechtfertigen. Wir wollen schließlich als logisch und nachvollziehbar gelten.

  6. Zeitersparnis. Nüchtern kalkuliert - und ja, das muss auch im Persönlichkeitsbereich stattfinden dürfen - spart unser "Nein" nicht nur Energie, sondern auch Zeit. Und zwar die Zeit, in der wir die übernommene Aufgabe hätten erledigen müssen, jene, in der wir uns gegrämt hätten, die Aufgabe übernommen zu haben und schließlich die Zeit, die wir damit verbringen, wieder auf ein ausgeglichenes Energieniveau zu kommen.

  7. Die Qualität Ihrer Erlebnisse steigt. Je öfters Sie sich erlauben "Nein" zu sagen, umso authentischer werden Sie Ihre Zeit verbringen. Oder anders gesagt, je weniger Zeit Sie damit beschäftigt sind die Ziele anderer umzusetzen, umso mehr werden Sie Ihr Leben nach eigenen Wünschen gestalten können. Langfristig gesehen steigt also die Wahrscheinlichkeit der Angleichung Ihrer Erlebnisse an die persönlichen Vorstellungen.

  8. Fairness gegenüber dem Umfeld. Wenn Sie Grenzen setzen, lernt Sie Ihr Umfeld besser kennen. Niemandem ist geholfen, wenn Sie ausschließlich versuchen anderen zu gefallen. Einerseits täuschen Sie vor, jemand anderes zu sein und andererseits ziehen Sie damit nicht die zu Ihnen passenden Personen an. Können oder wollen Sie irgendwann die Maskerade nicht mehr aufrechterhalten sind Sie im ungünstigsten Fall von Menschen umgeben, denen Sie fremd und deren Anwesenheit Ihnen nur noch unangenehm ist.

  9. Ein "Nein" ist kein Misserfolg. Wenn Sie etwas aus Zeitmangel oder Energieknappheit ablehnen müssen, mag das zwar unangenehm sein, hat aber mit Misserfolg nichts zu tun. Tatsächlich steigt die Wahrscheinlichkeit auf Misserfolg erst mit der Anzahl der Aufträge. Anders ausgedrückt: Jedes "Ja" beschert Ihnen zusätzliche Aufgaben. Übersteigen diese irgendwann Ihre Ressourcen, werden Sie zwangsläufig Misserfolg ernten. Überlegen Sie daher, ob ein klares, verantwortungsbewusstes "Nein" für den langfristigen Erfolg nicht sinnvoller ist.

  10. Offenheit und ein "Nein" widersprechen sich nicht. Hartnäckig hält sich der Mythos, dass ein "Ja" für Offenheit steht. Offenheit für Neues, für alternative Wege und für ungewöhnliche Zugänge. Doch ein "Ja" zu einem Weg ist immer ein "Nein" zu einem anderen Weg. Wir können nicht jeder Duftmarke nachgehen und schon gar nicht erwarten, dass mehrere Strategien mit geringeren Ressourcen - Zeit und Aufmerksamkeit werden ja nicht mehr, wenn wir sie teilen - zu größerem Erfolg führen. Auch hier braucht eine Entscheidungssituation das Recht auf ein "Nein". Und Offenheit die Bereitschaft zur Akzeptanz dessen.

  11. Glaubenssätze dürfen ersetzt werden. So manchen - in der Kindheit erworbenen - Glaubenssatz dürfen wir im Erwachsenenalter getrost überschreiben. Spätestens wenn wir erfahren, dass "Sei brav!" nicht automatisch zum Erfolg führt, sind wir dazu aufgefordert, alte Glaubensmuster zu hinterfragen. Das ist nun keine Anleitung zum Ungehorsam, sondern eine Aufforderung zur Weiterentwicklung. Wer sagt, dass die Annahmen aus der Kindheit noch 30 oder 40 Jahre später zutreffen müssen? Die Welt wandelt sich und wir uns bestenfalls mit ihr.

Ich bin mir sicher, Sie werden noch zahlreiche weitere Gründe finden, die dafür sprechen, sich ein "Nein" zu erlauben. Sie müssen bei der Umsetzung weder grob sein, noch ist es nötig, Brücken abzureißen. Finden Sie stattdessen Ihren persönlichen Weg. Erbitten Sie beispielsweise nach einer Anfrage Bedenkzeit oder bedanken Sie sich für das Vertrauen und lehnen dann höflich ab. Wenn gegenwärtig noch nicht der richtige Zeitpunkt für die Erfüllung einer Bitte gekommen ist, können Sie auch ein "Ja" in Aussicht stellen. Oder vielleicht wollen Sie eine andere Person empfehlen, die diese besser erfüllen kann als Sie? Probieren Sie unterschiedliche Strategien und gehen Sie davon aus, dass egal wie Sie sich entscheiden, Ihr "Nein" einmal ablehnend verstanden und ein anderes Mal respektiert werden wird.

 
In diesem Sinne, herzlichst
 
Tamara Nauschnegg
 
P.S.: Weitere Impulse und Zusammenhänge beschreibe ich in meinem Buch KRÄNKUNGEN - Was sie wert sind und wie wir sie überwinden

 


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Kommentare: 2
  • #1

    RitaY (Mittwoch, 25 Oktober 2017 12:11)

    Grund 12: Weil es mein Leben ist!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
    Grund 13: Weil ich in der Verwandtschaft gesehen habe, was passiert wenn es nur Jas gibt... nie und nimmer passiert mir das!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
    Hat Spaß gemacht den Text zu lesen! Ich versuche die Tipps umzusetzen, schöne Grüsse aus Wien! Rita

  • #2

    Tamara Nauschnegg (Mittwoch, 25 Oktober 2017 17:15)

    Liebe RitaY! Danke für die Gedanken und freut mich, dass Ihnen der Text gefallen hat! :-) :-) :-)

    Liebe Grüße, Tamara Nauschnegg